Nun nehme ich das letzte Wort: 'Tempel Gottes'. Was ist "Gott", und was ist 'Tempel Gottes'?
Vierundzwanzig Meister (
1) kamen zusammen und wollten besprechen, was Gott wäre. Sie kamen zu bestimmter Zeit
(zusammen), und jeder von ihnen brachte sein Wort vor; von denen greife ich nun zwei oder drei heraus. Der eine sagte: Gott ist etwas, dem gegenüber alle wandelbaren und zeitlichen Dinge nichts sind, und alles, was Sein hat, das ist vor ihm gering. Der zweite sprach: Gott ist etwas, das notwendig über dem Sein ist, das in sich selbst niemandes bedarf und dessen doch alle Dinge bedürfen. Der dritte sprach: »Gott ist eine Vernunft, die da lebt in der Erkenntnis einzig ihrer selbst«
[1]
Ich lasse das erste und das letzte Wort beiseite und spreche von dem zweiten: daß Gott etwas ist, das notwendig über dem Sein sein muß. Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber. Gott ist
(zwar) in allen Kreaturen, sofern sie Sein haben, und ist doch darüber. Mit eben dem, was er in allen Kreaturen ist, ist er doch darüber; was da in vielen Dingen Eins ist, das muß notwendig über den Dingen sein. Etliche Meister meinten, daß die Seele nur im Herzen sei. Dem ist nicht so, und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ganz und ungeteilt vollständig im Fuße und vollständig im Auge und in jedem Gliede. Nehme ich ein Stück Zeit, so ist das weder der heutige Tag noch der gestrige Tag. Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war.
Ein Meister sagt: Gott ist etwas, das da wirkt in Ewigkeit ungeteilt in sich selbst, das niemandes Hilfe noch eines Werkzeuges bedarf und in sich selbst verharrt, das nichts bedarf, dessen aber alle Dinge bedürfen und zu dem alle Dinge hindrängen als zu ihrem letzten Ziel.
[2] Dieses Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite. Sankt
Bernhard sagt:
(Die Weise) Gott zu lieben, das ist Weise ohne Weise. Ein Arzt, der einen Kranken gesund machen will, der hat keine
(bestimmte) Weise der Gesundheit, wie gesund er den Kranken machen wolle; er hat wohl eine Weise, womit er ihn gesund machen will; wie gesund aber er ihn machen will, das ist ohne
(bestimmte) Weise: so gesund, wie er nur immer vermag. Wie lieb wir Gott haben sollen, dafür gibt es keine
(bestimmte) Weise: so lieb, wie wir nur immer vermögen, das ist ohne Weise.
Ein jedes Ding wirkt in
(seinem) Sein; kein Ding kann über sein Sein hinaus wirken. Das Feuer vermag nirgends als im Holze zu wirken. Gott wirkt oberhalb des Seins in der Weite, wo er sich regen kann; er wirkt im Nichtsein. Ehe es noch Sein gab, wirkte Gott; er wirkte Sein, als es Sein noch nicht gab [Vgl.
Prol. gen. n. 17 (der Satz vor Anm. 10)]. Grobsinnige Meister sagen, Gott sei ein lauteres Sein; er ist so hoch über dem Sein, wie es der oberste Engel über einer Mücke ist. Ich würde etwas ebenso Unrichtiges sagen, wenn ich Gott ein Sein nennte, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Gott ist weder dies noch das. Und ein Meister sagt: Wer da glaubt, daß er Gott erkannt habe, und dabei irgend etwas erkennen würde, der erkennte Gott nicht. Wenn ich aber gesagt habe, Gott sei kein Sein und sei über dem Sein, so habe ich ihm damit nicht das Sein abgesprochen, vielmehr habe ich es in ihm erhöht [Vgl.
Prol. op. prop n. 15 (letzter Satz)]. Nehme ich Kupfer im Golde, so ist es dort
(vorhanden) und ist da in einer höheren Weise, als es in sich selbst ist. Sankt
Augustinus sagt: Gott ist weise ohne Weisheit, gut ohne Gutheit, gewaltig ohne Gewalt
Kleine Meister (
2) lehren in der Schule, alle Wesen seien geteilt in zehn Seinsweisen
[3], und diese sprechen sie sämtlich Gott ab. Keine dieser Seinsweisen berührt Gott, aber er ermangelt auch keiner von ihnen. Die erste, die am meisten Sein besitzt, in der alle Dinge ihr Sein empfangen, das ist die
Substanz; und die letzte, die am allerwenigsten Sein enthält, die heißt Relation, und die ist in Gott dem Allergrößten, das am meisten Sein besitzt, gleich: sie haben ein gleiches Urbild in Gott. In Gott sind aller Dinge Urbilder gleich; aber sie sind ungleicher Dinge Urbilder. Der höchste Engel und die Seele und die Mücke haben ein gleiches Urbild in Gott. Gott ist weder Sein noch Gutheit. Gutheit haftet am Sein und reicht nicht weiter als das Sein; denn, gäbe es kein Sein, so gäbe es keine Gutheit, und das Sein ist noch lauterer als die Gutheit.
Gott ist nicht gut noch besser noch allerbest. Wer da sagte, Gott sei gut, der täte ihm ebenso unrecht, wie wenn er die Sonne schwarz nennen würde.
[4]
Nun aber sagt doch Gott selbst: 'Niemand ist gut als Gott allein'
(Mark. 10,18). Was ist gut? Das ist gut, was sich mitteilt. Den nennen wir einen guten Menschen, der sich mitteilt und nützlich ist. Darum sagt ein heidnischer Meister: Ein Einsiedler ist weder gut noch böse in diesem Sinne, weil er sich nicht mitteilt noch nützlich ist. Gott ist das Allermitteilsamste. Kein Ding teilt sich aus Eigenem mit, denn alle Kreaturen sind nicht aus sich selbst. Was immer sie mitteilen, das haben sie von einem andern. Sie geben auch nicht sich selbst. Die Sonne gibt ihren Schein und bleibt doch an ihrem Ort stehen; das Feuer gibt seine Hitze und bleibt doch Feuer; Gott aber teilt das Seine mit, weil er aus sich selbst ist, was er ist, und in allen Gaben, die er gibt, gibt er zuerst stets sich selbst. Er gibt sich als Gott, wie er es in allen seinen Gaben ist, soweit es bei dem liegt, der ihn empfangen möchte. Sankt Jakob spricht: 'Alle guten Gaben fließen von oben herab vom Vater der Lichter'
(Jak. 1,17).
Wenn wir Gott im Sein nehmen, so nehmen wir ihn in seinem Vorhof, denn das Sein ist sein Vorhof, in dem er wohnt. Wo ist er denn aber in seinem Tempel, in dem er als heilig erglänzt? Vernunft ist 'der Tempel Gottes'. Nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft, wie jener andere Meister sagte: Gott sei eine Vernunft, die da lebt im Erkennen einzig ihrer selbst, nur in sich selbst verharrend dort, wo ihn nie etwas berührt hat; denn da ist er allein in seiner Stille. Gott erkennt im Erkennen seiner selbst sich selbst in sich selbst. (
3)
Nun nehmen wir's
(= das Erkennen), wie's in der Seele ist, die ein Tröpflein Vernunft, ein "Fünklein", einen "Zweig" besitzt. Sie
(= die Seele) hat Kräfte, die im Leibe wirken. Da ist eine Kraft, mit Hilfe derer der Mensch verdaut; die wirkt mehr in der Nacht als am Tage; kraft derer nimmt der Mensch zu und wächst. Die Seele hat weiterhin eine Kraft im Auge; durch die ist das Auge so subtil und so fein, daß es die Dinge nicht in der Grobheit aufnimmt, wie sie an sich selbst sind; sie müssen vorher gesiebt und verfeinert werden in der Luft und im Lichte; das kommt daher, weil es
(= das Auge) die Seele bei sich hat. Eine weitere Kraft ist in der Seele, mit der sie denkt. Diese Kraft stellt in sich die Dinge vor, die nicht gegenwärtig sind, so daß ich diese Dinge ebenso gut erkenne, als ob ich sie mit den Augen sähe, ja, noch besser - ich kann mir eine Rose sehr wohl
(auch) im Winter denkend vorstellen -‚ und mit dieser Kraft wirkt die Seele im Nichtsein und folgt darin Gott, der im Nichtsein wirkt.
Ein heidnischer Meister sagt: Die Seele, die Gott liebt, die nimmt ihn unter der Hülle der Gutheit - noch sind es alles heidnischer Meister Worte, die bisher angeführt wurden, die nur in einem natürlichen Lichte erkannten; noch kam ich nicht zu den Worten der heiligen Meister, die da erkannten in einem viel höheren Lichte - er sagt also: Die Seele, die Gott liebt, die nimmt ihn unter der Hülle der Gutheit. Vernunft aber zieht Gott die Hülle der Gutheit ab und nimmt ihn bloß, wo er entkleidet ist von Gutheit und von Sein und von allen Namen.
Ich sagte in der Schule, daß die Vernunft edler sei als der Wille, und doch gehören sie beide in dieses Licht. Da sagte ein Meister in einer andern Schule (
4), der Wille sei edler als die Vernunft, denn der Wille nehme die Dinge, wie sie in sich selbst sind; Vernunft aber nehme die Dinge, wie sie in ihr sind. Das ist wahr. Ein Auge ist edler in sich selbst als ein Auge, das an eine Wand gemalt ist. Ich aber sage, daß die Vernunft edler ist als der Wille. Der Wille nimmt Gott unter dem Kleide der Gutheit. Die Vernunft nimmt Gott bloß, wie er entkleidet ist von Gutheit und von Sein. Gutheit ist ein Kleid, darunter Gott verborgen ist, und der Wille nimmt Gott unter diesem Kleide der Gutheit. Wäre keine Gutheit an Gott, so würde mein Wille ihn nicht wollen. Wer einen König kleiden wollte am Tage, da man ihn zum König machte, und kleidete ihn in graue Kleider, der hätte ihn nicht wohl gekleidet. Nicht dadurch bin ich selig, daß Gott gut ist. Ich will
(auch) niemals danach begehren, daß Gott mich selig mache mit seiner Gutheit, denn das vermöchte er gar nicht zu tun. Dadurch allein bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich dies erkenne.
[5] Ein Meister sagt: Gottes Vernunft ist es, woran des Engels Sein gänzlich hängt. Man stellt die Frage, wo das Sein des Bildes ganz eigentlich sei: im Spiegel oder in dem, wovon es ausgeht? Es ist eigentlicher in dem, wovon es ausgeht. Das Bild ist in mir, von mir, zu mir. Solange der Spiegel genau meinem Antlitz gegenübersteht, ist mein Bild darin; fiele der Spiegel hin, so verginge das Bild. Des Engels Sein hängt daran, daß ihm die göttliche Vernunft gegenwärtig ist, darin er sich erkennt.
'Wie ein Morgenstern mitten im Nebel.' Ich richte mein Augenmerk nun auf das Wörtlein 'quasi', das heißt "gleichwie"; das nennen die Kinder in der Schule ein "Beiwort". Dies ist es, auf das ich's in allen meinen Predigten abgesehen habe (
5). Das Allereigentlichste, was man von Gott aussagen kann, das ist "Wort" und "Wahrheit". Gott nannte sich selbst ein "Wort". Sankt Johannes sprach: 'Im Anfang war das Wort'
(Joh. 1,1), und er deutet damit
(zugleich) an, daß man bei diesem Worte ein "Beiwort" sein solle. So wie der "freie Stern", nach dem der "Freitag" benannt ist, die Venus: der hat manchen Namen. Wenn er der Sonne voraufgeht und eher aufgeht als die Sonne, so heißt er ein "Morgenstern"; wenn er aber hinter der Sonne hergeht, so daß die Sonne eher untergeht, so heißt er ein "Abendstern"; manchmal läuft er oberhalb der Sonne, manchmal unterhalb. Vor allen Sternen ist er der Sonne beständig gleich nahe; er kommt ihr niemals ferner noch näher und zeigt damit an, daß ein Mensch, der hierzu kommen will, Gott allezeit nahe und gegenwärtig sein soll, so daß ihn nichts von Gott entfernen kann, weder Glück noch Unglück noch irgendeine Kreatur.
Der Schrifttext sagt weiterhin: 'Wie ein voller Mond in seinen Tagen.' Der Mond hat Herrschaft über alle feuchte Natur. Nie ist der Mond der Sonne so nahe, wie dann, wenn er voll ist und wenn er sein Licht unmittelbar von der Sonne empfängt. Davon aber, daß er der Erde näher ist als irgendein Stern, hat er zwei Nachteile: daß er bleich und fleckig ist und daß er sein Licht verliert. Nie ist er so kräftig, wie wenn er der Erde am allerfernsten ist, dann wirft er das Meer am allerweitesten aus; je mehr er abnimmt, um so weniger vermag er es auszuwerfen. Je mehr die Seele über irdische Dinge erhaben ist, um so kräftiger ist sie. Wer weiter nichts als die Kreaturen erkennen würde, der brauchte an keine Predigt zu denken, denn jegliche Kreatur ist Gottes voll und ist ein Buch. Der Mensch, der dazu gelangen will, wovon im voraufgehenden gesprochen wurde - hierauf läuft die ganze Predigt mit allem hinaus -‚ der muß sein wie ein Morgenstern: immerzu Gott gegenwärtig und immerzu "bei"
(ihm) und gleich nahe und erhaben über alle irdischen Dinge und muß bei dem "Worte" ein "Beiwort" sein.
Es gibt ein hervorgebrachtes Wort: das ist der Engel und der Mensch und alle Kreaturen. Es gibt ein anderes Wort, gedacht und vorgebracht, durch das es möglich wird, daß ich mir etwas vorstelle. Noch aber gibt es ein anderes Wort, das da sowohl unvorgebracht wie ungedacht ist, das niemals austritt; vielmehr bleibt es ewig in dem, der es spricht. Es ist im Vater, der es spricht, immerfort im Empfangenwerden und innebleibend (
6). Vernunft ist stets nach innen wirkend. Je feiner und je geistiger etwas ist, um so kräftiger wirkt es nach innen; und je kräftiger und feiner die Vernunft ist, um so mehr wird das, was sie erkennt, mit ihr vereint und mit ihr eins. So
(aber) ist es nicht mit körperlichen Dingen; je kräftiger die sind, um so mehr wirken sie nach außen. Gottes Seligkeit
(aber) liegt im Einwärtswirken der Vernunft, wobei das "Wort" innebleibend ist. Dort soll die Seele ein "Beiwort" sein und mit Gott ein Werk wirken, um in dem in sich selbst schwebenden Erkennen ihre Seligkeit zu schöpfen: in demselben, wo Gott selig ist.
Daß wir allzeit bei diesem "Wort" ein "Beiwort" sein mögen, dazu helfe uns der Vater und dieses nämliche Wort und der Heilige Geist. Amen.
Anmerkungen Quint
1 Eckhart hat den 'Liber 24 philosophorum' des Pseudo-Hermes Trismegistus (...) im Auge. Er zitiert diesen Liber wiederholt in seinen lateinischen Schriften (...) [S. 142, Anm. 1].
2 Gemeint sind wohl die baccalaurii theologiae. [S. 147, Anm. 3]
3 Zur These, daß Gott reines Erkennen sei, daß ihm das Sein erst sekundär durch das Erkennen zukomme, vgl. insbesondere die Quaestio, Utrum in deo sit idem esse et intelligere? n. 4.: (n. a.) [S. 150, Anm. 1]. (S. a. P. 43, Eig. 3).
4 Gemeint ist wahrscheinlich der Franziskanergeneral Gonsalvus, der in seiner Quaestio (s. Qu. 3) gegen Eckharts Auffassung polemisiert [S. 152, Anm. 3].
5 Eckhart sagt hier, daß er es in allen seinen Predigten auf das bîwort abgesehen habe, daß alle seine Predigten das Grundmotiv durchziehe, wonach die Seele ihren "Ausfluß" dort nimmt, wo auch der Sohn ausfließt, wonach der Vater, indem er den Sohn, das "Wort" spricht, gleichzeitig auch die Seele als ein bîwort ausspricht, und daß darauf der ganze Adel der Menschenseele beruht, auf Grund dessen sie eins mit dem Sohne und damit auch mit der Gottheit zu werden vermag [S. 154, Anm. 3].
6 Eckhart unterscheidet dreierlei "Wort": 1. das hervorgebrachte, außerhalb Gottes in den Kreaturen verobjektivierte Wort, 2. das gedachte und vorgestellte menschliche Wort, 3. das im "Vater" stets innebleibende, nicht hervorgebrachte, nicht aus dem trinitarischen Zirkel austretende "Wort" als 2. Person der Gottheit [S. 157, Anm. 2].
Eigene
1 Quint: "(...) Die beiden ersten Sprüche bei Eckhart sind viel zu ungenau zitiert, als daß sie mit bestimmten Nummern der "24 Meistersprüche" in eins gesetzt werden könnten. Nur der dritte Spruch hat eine eindeutige Beziehung, und zwar zum 20. Meisterspruch: Deus est, qui solus suo intellectu vivit" [S. 142, Anm. 3].
2 Quint: "Bihlmeyer verweist (...) auf Bernhard (...)" [S. 144, Anm. 3].
3 Quint: "= die 10 Seinskategorien des Aristoteles" [S. 147, Anm. 4].
4 Das ist der Satz, der ihm angekreidet wurde. Vgl. Bulle art. 28, Responsio II n. 127; Votum art. 5.
5 Quint: "In .. Sermo XI n. 120 (...) betont Eckhart .. daß das beseligende Erfassen Gottes weder dem Erkennen noch dem Wollen, sondern einzig dem innersten Wesensgrunde der Seele zukommt" [S. 153, Anm. 3].
Die Übersetzung entspricht dem Abdruck in: Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, Die deutschen Werke, Kohlhammer Stuttgart 1958, S. 459-61. Die Texteinschübe und Verweise auf Bibelstellen Quints in () sind etwas eingerückt. Die Anmerkungen zur Übersetzung in () sowie die Auswahl der Anmerkungen seiner Edition in [] sind fortlaufend beziffert. Im Original wird auf jeder Seite neu gezählt. (Hier ist nur ein Bruchteil seiner Anmerkungen wiedergegeben). Die dort kursiv gedruckten Stellen sind hier in normaler Schrift wiedergegeben.
Den beanstandeten Satz (s.o.) habe ich rot hervorgehoben.
Zur sonstigen farblichen Gestaltung s. Darbietung.
Edition
Pfeiffer, Nr. LXXXIV S. 267-272.
Strauch, Nr. 33 S. 73-77.
Quint, DW I, S. 138-158.
Übersetzungen: Büttner I S. 153 ff., 2.1934 S. 138 ff., Lehmann S. 219 ff., Schulze-Maizier S. 324 ff., Quint, S. 195-200 - (vgl. Bibliographie).
Beschreibung
"Der Text ist in vier Hss. und im BT ganz, in sieben Hss. fragmentarisch überliefert. Die Predigt ist hsl. für Meister Eckhart bezeugt" [Largier, S. 834] (Zu den Hss. s. Predigten).
BT = Tauler, Opera, Basel (BTa 1521, BTb 1522).
In der Responsio wird in art. 54 auf eine Stelle dieser Predigt Bezug genommen. Im Votum in art. 5. Ebenso in der Bulle in art. 28. Die Echtheit ist "gesichert durch die RS., Bulle und 'Gutachten'." [DW 1, S. 140]
Datierung
Es ist augenscheinlich, daß diese Predigt in direktem Zusammenhang mit einem seiner Besuche in Paris stehen muß: soviele Meister findet man sonst in keiner Predigt. Um sie einfach noch einmal in der Reihenfolge der Nennung ablaufen zu lassen: "24 Meister, etliche Meister, große Meister, ein Meister, grobsinnige Meister, ein Meister, kleine Meister, ein heidnischer Meister, jener andere Meister, ein heidnischer Meister, Worte der heiligen Meister, ein Meister, ein Meister". Die Edition enthält nur wenige Angaben dazu, wer jeweils gemeint ist oder sein könnte.
Hinzu kommt noch "ich sagte in der Schule" (Auch der dreimalige Hinweis auf die 'Schule' ist rekordverdächtig). Das kann eigentlich nur nach dem ersten Pariser Magisterium gewesen sein, kurz danach, so aufgewühlt, wie er sich hier darstellt.
Am 28. August 1302 oder am 28. Februar 1303 (s. Denifle) hielt er in Paris die Predigt Sermo die b. Augustini. Vermutlich kehrte er "nach Abschluß des akademischen Jahrs im Frühsommer" 1303 nach Erfurt zurück (Ruh, Eckhart, S. 25), am 8. September wurde er zum Provinzial der neugegründeten Saxonia gewählt.
"Das Leitzitat .. ist der Epistel des Festes des hl. Augustinus [28. August] entnommen." (Theisen, S. 257). Weiter führt er aus: "Berührungen zwischen Predigtaussagen und Texten des Meßformulars sind über das Leitzitat hinaus nicht festzustellen, ebensowenig ein Bezug zum Tagesheiligen, dem hl. Augustinus. Die Bemerkungen über das "bîwort" greifen allerdings auf das grammatische Leitwort der Epistel ("quasi") zurück, ohne dabei jedoch die entsprechenden Textstellen inhaltlich zu implizieren" (S. 258). Zur Translatio [28. Februar] (s. Denifle) sagt er nichts.
Der Basler Taulerdruck datiert "Vff sant Dominici tag (Quint, S. 141), dem sich Strauch anschließt. Das schließt Theisen aus, da "der Vers Sir 50,6 als Capitulum der Ersten Vesper, der Laudes und der Terz gebetet" wurde (S. 257, Anm. 85). Die Aussagen über das Datum des Dominikus-Tages sind unterschiedlich: Eine Internetseite merkt zu einer alten Bauernregel ("Hitze an Sankt Dominikus, ein strenger Winter kommen muss.") den 4. August an, Theisen schreibt zu Predigt 30: "Das Leitzitat .. ist der Epistel des Festes (5. August) oder der Translatio des hl. Dominikus (23. Mai) entnommen" (S. 247), gestorben ist Dominikus am 6. August, das Lexikon von 1981 vermerkt: "Fest: 8. [7.] August" (VoL 3, S. 287), das Lexikon des Mittelalters und das Ökumenische Heiligenlexikon im Internet nennen den 8. August.
Interessanterweise war am 28. August 1303 (einem Mittwoch) Vollmond - nach Ausweis der Internetseite von Thomas Köhler - (vgl. die entsprechende Stelle oben).
Unabhängig davon, ob die Predigt nun am St. Dominikus-Tag oder am Fest des hl. Augustinus gehalten wurde, erscheint es doch einleuchtend, sie auf den August 1303 zu datieren. In keiner anderen Predigt ist Eckhart noch so nah an Paris wie in dieser. Nicht nur in den meisten Nennungen der 'Meister' und der 'Schule' überhaupt, auch gedanklich ist er noch in jener Stadt und kaum richtig in Erfurt angekommen.
Eine Anmerkung am Rande: Anscheinend war es am Dominikus-Tag nicht so heiß, falls die Bauernregel zutraf, denn der Winter 1303/04 war "äußerst warm, frostfrei und sehr trocken" (s. Wetter 1304).