Ich hân ein wörtelîn gesprochen des êrsten in dem latîne, daz stât geschriben in dem êwangeliô und sprichet alsô ze tiutsche: »unser herre Jêsus Kristus der gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was«.
Ich habe ein Wörtlein gesprochen, zunächst auf lateinisch, das steht geschrieben im Evangelium und lautet zu deutsch also: »Unser Herr Jesus Christus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.«
Eyâ, nû merket mit vlîze diz wort: ez muoz von nôt sîn, daz si ein juncvrouwe was, der mensche, von der Jêsus wart enpfangen. Juncvrouwe ist alsô vil gesprochen als ein mensche, der von allen vremden bilden ledic ist, alsô ledic, als er was, dô er niht enwas. Sehet, nû möhte man vrâgen, wie der mensche, der geborn ist und vor gegangen ist in vernünftic leben, wie er alsô ledic müge sin aller bilde, als dô er niht enwas, und er weiz doch vil, daz sint allez bilde; wie mac er denne ledic sîn? Nû merket daz underscheit, daz wil ich iu bewîsen. Wære ich alsô vernünftic, daz alliu bilde vernünfticlîche in mir stüenden, diu alle menschen ie enpfiengen und diu in gote selber sint, wære ich der âne eigenschaft, daz ich enkeinez mit eigenschaft hæte begriffen in tuonne noch in lâzenne, mit vor noch mit nâch, mêr: daz ich in disem gegenwertigen nû vrî und ledic stüende nâch dem liebesten willen gotes und den ze tuonne âne underlâz, in der wârheit sô wære ich juncvrouwe âne hindernisse aller bilde als gewærliche, als ich was, dô ich niht enwas.
Wohlan, achtet nun aufmerksam auf dieses Wort [
1]: Notwendig muß es so sein, daß sie eine »Jungfrau« war, jener Mensch, von dem Jesus empfangen ward. Jungfrau besagt soviel wie ein Mensch, der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war (
1). Seht, nun könnte man fragen, wie ein Mensch, der geboren ist und fortgediehen bis in vernunftfähiges Leben, wie der so ledig sein könne von allen Bildern, wie da er noch nicht war, und dabei weiß er doch vieles, das sind alles Bilder; wie kann er dann ledig sein? Nun gebt acht auf die Unterweisung, die will ich euch dartun. Wäre ich von so umfassender Vernunft, daß alle Bilder, die sämtliche Menschen je
(in sich) aufnahmen, und
(zudem) die, die in Gott selbst sind, in meiner Vernunft stünden, doch so, daß ich so frei von Ich-Bindung an sie wäre, daß ich ihrer keines im Tun noch im Lassen, mit Vor noch mit Nach als mir zu eigen ergriffen hätte, daß ich vielmehr in diesem gegenwärtigen Nun frei und ledig stünde für den liebsten Willen Gottes und ihn zu erfüllen ohne Unterlaß, wahrlich, so wäre ich Jungfrau ohne Behinderung durch alle Bilder, ebenso gewiß, wie ich's war, da ich noch nicht war.
Ich spriche aber: daz der mensche ist juncvrouwe, daz enbenimet im nihtes niht von allen den werken, diu er ie getete; des stât er megetlich und vrî âne alle hindernisse der obersten wârheit, als Jêsus ledic und vrî ist und megetlich in im selber. Als die meister sprechent, daz glîch und glîch aleine ein sache ist der einunge, her umbe sô muoz der mensche maget sîn, juncvrouwe, diu den megetlîchen Jêsusm enpfâhen sol.
Ich sage weiter: Daß der Mensch Jungfrau ist, das benimmt ihm gar nichts von allen den Werken, die er je tat; das alles
(aber) läßt ihn magdlich und frei dastehen ohne jede Behinderung an der obersten Wahrheit, so wie Jesus ledig und frei ist und magdlich in sich selbst. Wie die Meister sagen, daß nur gleich und gleich Grund für die Vereinigung ist, darum muß der Mensch Magd sein, Jungfrau, die den magdlichen Jesus empfangen soll.
Nû merket und sehet mit vlîze! Daz nû der mensche iemer mê juncvrouwe wære, sô enkæme keiniu vruht von im. Sol er vruhtbære werden, sô muoz daz von nôt sîn, daz er ein wîp sî. Wîp ist daz edelste wort, daz man der sêle zuo gesprechen mac, und ist vil edeler dan juncvrouwe. Daz der mensche got enpfæhet in im, daz ist guot, und in der enpfenclichkeit ist er maget. Daz aber got vruhtbærlich in im werde, daz is bezzer; wan vruhtbærkeit der gâbe daz ist aleine dankbærkeit der gâbe, und dâ ist der geist ein wîp in der widerbernden dankbærkeit , dâ er gote widergebirt Jêsum in daz veterlîche herze.
Nun gebt acht und seht genau zu [
2]! Wenn nun der Mensch immerfort Jungfrau wäre, so käme keine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es notwendig, daß er
Weib sei. »Weib« ist der edelste name, den man der Seele zulegen kann, und ist viel edler als »Jungfrau«. Daß der Mensch Gott in sich
empfängt, das ist gut, und in dieser Empfänglichkeit ist er Jungfrau. Daß aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser; denn Fruchtbarwerden der Gabe, das allein ist Dankbarkeit für die Gabe, und da ist der Geist Weib in der wiedergebärenden Dankbarkeit, wo er Jesum wiedergebiert in Gottes väterliches Herz.
Vil guoter gâben werdent enpfangen in der juncvröuwelichkeit und enwerdent niht wider îngeborn in der wîplîchen vruhtbærkeit mit dankbærem lobe in got. Die gâbe verderbent und werdent alle ze nihte, daz der mensche niemer sæliger noch bezzer dar abe wirt. Dâ enist im sîn juncvröuwelichkeit ze nihte nütze, wan er niht ein wîp enist zuo der juncvröuwelichkeit mit ganzer vruhtbærkeit. Dar an lît der schade. Dar umbe hân ich gesprochen: »Jêsus gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was«. Daz muoz von nôt sîn, als ich iu bewîset hân.
Viele gute Gaben werden empfangen in der Jungfräulichkeit, werden aber nicht in weiblicher Fruchtbarkeit mit dankbarem Lobe wieder eingeboren in Gott. Diese Gaben verderben und werden alle zunichte, so daß der Mensch nimmer seliger noch besser davon wird. Dabei ist ihm seine Jungfräulichkeit zu nichts nütze, denn er ist über seine Jungfräulichkeit hinaus nicht Weib mit voller Fruchtbarkeit. Darin liegt der Schaden. Darum habe ich gesagt: »Jesus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.« Das muß notwendig so sein, wie ich euch dargetan habe.
Êlîche liute die bringent des jâres lützel mê dan éine vruht. Aber ander êlîche liute die meine ich nû ze disem mâle: alle die mit eigenschaft gebunden sint an gebete, an vastenne, an wachenne und aller hande ûzerlîcher üebunge und kestigunge. Ein ieglîchiu eigenschaft eines ieglîchen werkes, daz die vrîheit benimet, in disem gegenwertigen nû gote ze wartenne und dem aleine ze volgenne in dem liehte, mit dem er dich anwîsende wære ze tuonne und ze lâzenne in einem ieglîchen nû vrî und niuwe, als ob dû anders nihet enhabest noch enwellest noch enkünnest: ein ieglîchiu eigenschaft oder vürgesetzet werk, daz dir dise vrîheit benimet alle zît niuwe, daz heize ich nû ein jâr; wan dîn sêle bringet dekeine vruht, si enhabe daz werk getân, daz dû mit eigenschaft besezzen hâst, noch dû engetriuwest gote noch dir selber, dû enhabest dîn werk volbrâht, daz dû mit eigenschaft begriffen hâst; anders sô enhâst dû dekeinen vride. Dar umbe sô enbringest dû ouch dekeine vruht, dû enhabest dîn werk getân. Daz setze ich vür ein jâr, und diu vruht ist nochdenne kleine, wan si ûz eigenschaft gegangen ist nâch dem werke und niht von vrîheit. Dise heize ich êlîche liute, wan sie an eigenschaft gebunden stânt. Dise bringent lützel vrühte, und diu selbe ist nochdenne kleine, als ich gesprochen hân.
Eheleute bringen im Jahr kaum mehr als eine Frucht hervor. Aber eine andere Art »Eheleute« habe ich nun diesmal im Sinn: alle diejenigen, die ichhaft gebunden sind an Gebet, an Fasten, an Wachen und allerhand äußerliche Übungen und Kasteiungen. Jegliche Ichgebundenheit an irgendwelches Werk, das dir die Freiheit benimmt, in diesem gegenwärtigen Nun Gott zu Gebote zu stehen und ihm allein zu folgen in dem Lichte, mit dem er dich anweisen würde zum Tun und Lassen, frei und neu in jedem Nun, als ob du anders nichts hättest noch wolltest noch könntest: - jegliche Ichgebundenheit oder jegliches vorsätzliche Werk, das dir diese allzeit neue Freiheit benimmt, das heiße ich nun ein Jahr; denn deine Seele bringt dabei keinerlei Frucht, ohne daß sie das Werk verrichtet hat, das du ichgebunden in Angriff genommen hast, und du hast auch weder zu Gott noch zu dir selbst Vertrauen, du habest denn dein Werk vollbracht, das du mit Ich-Bindung ergriffen hast; sonst hast du keinen Frieden. Darum bringst du auch keine Frucht, du habest denn dein Werk getan.
Dies setze ich als ein Jahr an, und die Frucht ist dennoch klein, weil sie aus dem Werke hervorgegangen ist in Ichgebundenheit und nicht in Freiheit. Solche Menschen heiße ich »Eheleute«, weil sie in Ich-Bindung gebunden sind. Solche bringen wenig Frucht, und die ist zudem noch klein, wie ich gesagt habe [
3].
Ein juncvrouwe, diu ein wîp ist, diu ist vrî und ungebunden âne eigenschaft, diu ist gote und ir selber alle zît glîch nâhe. Diu bringet vil vrühte und die sint grôz, minner noch mêr dan got selber ist. Dise vruht und dise geburt machet disiu juncvrouwe, diu ein wîp ist, geborn und bringet alle tage hundert mâl oder tûsent mâl vruht joch âne zal gebernde und vruhtbære werdende ûz dem aller edelsten grunde; noch baz gesprochen: jâ, ûz dem selben grunde, dâ der vater ûz gebernde ist sîn êwic wort, dar ûz wirt si vruhtbære mitgebernde. Wan Jêsus, daz lieht und der schîn des veterlîchen herzen - als sant paulus sprichet, daz er ist ein êre eund ein schîn des veterlîchen herzen, und er durchliuhtet mit gewalte daz veterlîchen herze - dirre Jêsus ist mit ir vereinet und si mit im, und si liuhtet und schînet mit im als ein einic ein und als ein lûter klâr lieht in dem veterlîchen herzen.
Eine Jungfrau, die ein Weib ist, die frei ist und ungebunden ohne Ich-Bindung, die ist Gott und sich selbst allzeit gleich nahe. Die bringt viele Früchte, und die sind groß, nicht weniger und nicht mehr als Gott selbst ist. Diese Frucht und diese Geburt bringt diese Jungfrau, die ein Weib ist, zustande, und sie bringt alle Tage hundertmal oder tausendmal Frucht, ja unzählige Male, gebärend und fruchtbar werdend aus dem alleredelsten Grunde; noch besser gesagt: fürwahr, aus demselben Grunde, daraus der Vater sein ewiges Wort gebiert, aus dem wird sie fruchtbar mitgebärend. Denn Jesus, das Licht und der Widerschein des väterlichen Herzens - wie Sankt Paulus sagt, daß er eine Ehre und ein Widerschein des väterlichen Herzens sei und mit Gewalt das väterliche Herz durchstrahle
(vgl. Hebr. 1,3) -, dieser Jesus ist mit ihr vereint und sie mit ihm, und sie leuchtet und glänzt mit ihm als ein einiges Eins und als ein lauterklares Licht im väterlichen Herzen.
Ich hân ouch mê gesprochen, daz ein kraft in der sêle ist, diu berüeret niht zît noch vleisch; si vliuzet ûz dem geiste und blîbet in dem geiste und ist zemâle geistlich. In dirre kraft ist got alzemâle grüenende und blüejende in aller der vröude und in aller der êre, daz er in im selber ist. Dâ ist alsô herzenlîchiu vröude und alsô unbegrîfelîchiu grôze vröude, daz dâ nieman volle abe gesprechen kan. Wan der êwige vater gebirt sînen êwigen sun in dirre kraft âne underlâz, alsô daz disiu kraft mitgebernde ist der sun des vaters und sich selber den selben sun in der einiger kraft des vaters. Hæte ein mensche ein ganzez künicrîche oder allez daz guot von ertrîche und lieze daz lûterlîche durch got und würde der ermesten menschen einer, der ûf ertrîche iener lebet, und gæbe im im denne got alsô vil ze lîdenne, als er ie menschen gegap, und lite er allez diz unz an sînen tôt und gæbe im denne got einen blik ze einen mâle ze schouwenne, wie er in dirre kraft ist: sîn vröude würde alsô grôz, daz alles diss lîdens und armüetes wære nochdenne ze kleine. Jâ, engæbe im joch got her nâch niemer mê himelrîches, er hæte nochdenne alze grôzen lôn enpfangen umbe allez, daz er ie geleit; wan got ist in dirre kraft als in dem êwigen nû. Wære der geist alle zît mit gote vereinet in dirre kraft, der mensche enmöhte niht alten; wan daz nû, dâ got den êrsten menschen inne machete, und daz nû, dâ der leste mensche inne sol vergân, und daz nû, dâ ich inne spriche, diu sint glîch in gote und enist niht dan éin nû. Nû sehet, dirre mensche wonet in éinem liehte mit gote; dar umbe enist in im noch lîden noch volgen sunder ein glîchiu êwicheit. Disem menschen ist in der wâhrheit wunder abegenomen, und alliu dinc stânt weselîche in im. Dar umbe enpfæhet er niht niuwes von künftigen dingen noch von keinem zuovalle, wan er wonet in einem nû alle zît niuwe âne underlâz. Alsolîchiu götlîchiu hêrschaft ist in dirre kraft.
Ich habe auch öfter schon gesagt, daß eine Kraft in der Seele ist, die weder Zeit noch Fleisch berührt; sie fließt aus dem Geiste und bleibt im Geiste und ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ganz so grünend und blühend in aller der Freude und in aller der Ehre, wie er in sich selbst ist. Da ist so herzliche Freude und so unbegreiflich große Freude, daß niemand erschöpfend davon zu künden vermag (
2). Denn der ewige Vater gebiert seinen ewigen Sohn in dieser Kraft ohne Unterlaß so, daß diese Kraft den Sohn des Vaters und sich selbst als denselben Sohn in der einigen Kraft des Vaters mitgebiert. Besäße ein Mensch ein ganzes Königreich oder alles Gut der Erde und gäbe das lauterlich um Gottes willen hin und würde der ärmsten Menschen einer, der irgendwo auf Erden lebt, und gäbe ihm dann Gott soviel zu leiden, wie er je einem Menschen gab, und litte er alles dies bis an seinen Tod, und ließe ihn dann Gott einmal nur mit einem Blick schauen, wie er in dieser Kraft ist: - seine Freude würde so groß, daß es an allem diesem Leiden und an dieser Armut immer noch zu wenig gewesen wäre. Ja, selbst wenn Gott ihm nachher nimmermehr das Himmelreich gäbe, er hätte dennoch allzu großen Lohn empfangen für alles, was er je erlitt; denn Gott ist in dieser Kraft wie in dem ewigen Nun. Wäre der Geist allzeit mit Gott in dieser Kraft vereint, der Mensch könnte nicht altern; denn das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als
ein Nun. Nun seht, dieser Mensch wohnt in
einem Lichte mit Gott; darum ist in ihm weder Leiden noch Zeitfolge, sondern eine gleichbleibende Ewigkeit. Diesem Menschen ist in Wahrheit alles Verwundern abgenommen, und alle Dinge stehen wesenhaft in ihm. Darum empfängt er nichts Neues von künftigen Dingen noch von irgendeinem »Zufall« [
4], denn er wohnt in
einem Nun [
5], allzeit neu, ohne Unterlaß. Solche göttliche Hoheit ist in dieser Kraft.
Noch ein kraft ist, diu ist ouch unlîplich; si vliuzet ûz dem geiste und blîbet in dem geiste und ist zemâle geistlich. In dirre kraft ist got âne underlâz glimmende und brinnende mit aller sîner rîcheit, mit aller sîner süezicheit und mit aller sîner wunne. Wærlîche, in dirre kraft ist alsô grôziu vröude und alsô grôziu, unmæzigiu wunne, daz nieman vollen dar abe gesprechen noch geoffenbâren kan. Ich spriche aber: wære in der wârheit einen ougenblik die wunne und die vröude, diu dar inne ist: allez daz er gelîden möhte und daz got von im geliten wolte hân, daz wære im allez kleine und joch nihtes niht; ich spriche noch mê: ez wære im alzemâle ein vröude und ein gemach.
Noch eine Kraft gibt es, die ist auch unleiblich; sie fließt aus dem Geiste und bleibt im Geiste und ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ohne Unterlaß glimmend und brennend mit all seinem Reichtum, mit all seiner Süßigkeit und mit all seiner Wonne [
6]. Wahrlich, in dieser Kraft ist so große Freude und so große, unermeßliche Wonne, daß es niemand erschöpfend auszusagen oder zu offenbaren vermag. Ich sage wiederum: Gäbe es irgendeinen Menschen, der hierin mit der Vernunft wahrheitsgemäß einen Augenblick lang die Wonne und die Freude schaute, die darin ist, - alles, was er leiden konnte und was Gott von ihm erlitten haben wollte, das wäre ihm alles geringfügig, ja ein Nichts; ich sage noch mehr: es wäre ihm vollends eine Freude und ein Gemach.
Wilt dû rehte wizzen, ob dîn lîden dîn sî oder gotes, daz solt dû her an merken: lîdest dû umbe dîn selbes willen, in welher wîse daz ist, daz lîden tuot dir wê und ist dir swære ze Tragenne. Lîdest dû aber umbe got und got aleine, daz lîden entuot dir niht wê und ist dir ouch niht swære, wan got Treit den last. Mit guoter wârheit! Wære ein mensche, der lîden wolte durch got und lûterlîche got aleine, und viele allez daz lîden ûf in zemâle daz alle menschen ie geliten und daz al diu werlt hât gemeinlich, daz entæte im niht wê noch enwære im ouch niht swære, wan got der Trüege den last. Der mir einen zentener leite ûf mînen hals und in denne ein ander Trüege ûf mînen hals, als liep leite ich hundert ûf als einen, wan ez enwære mir niht swære noch entæte mir ouch niht wê. Kürzlîche gesprochen: swaz der mensche lîdet durch got und got aleine, daz machet im got lîhte und süeze. Als ich sprach in dem beginne, dâ mite wir under predige begunden: »Jêsus der gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was«. War umbe? Daz muoste sîn von nôt, daz sie ein juncvrouwe was und ouch ein wîp. Nû hân ich iu geseit, daz Jêsus enpfangen wart; ich enhân iu aber niht geseit, waz daz bürgelîn sî, alsô als ich nû dar abe sprechen wil.
Willst du recht wissen, ob dein Leiden dein sei oder Gottes, das sollst du hieran erkennen: Leidest du um deiner selbst willen, in welcher Weise es immer sei, so tut dir dieses Leiden weh und ist dir schwer zu ertragen. Leidest du aber um Gott und um Gottes willen allein, so tut dir dieses Leiden nicht weh und ist dir auch nicht schwer, denn Gott trägt die Last. In voller Wahrheit: Gäbe es einen Menschen, der um Gott und rein nur um Gottes willen leiden wollte, und fiele auf ihn alles das Leiden miteinander, das sämtliche Menschen je erlitten und das die ganze Welt mitsammen trägt, das täte ihm nicht weh und wäre ihm auch nicht schwer, denn Gott trüge die Last. Wenn mir einer einen Zentner auf meinen Nacken legte und ihn dann ein
anderer auf
meinem Nacken hielte, so lüde ich mir ebenso lieb hundert auf wie einen, denn es wäre mir nicht schwer und täte mir auch nicht weh [
7]. Kurz gesagt: Was immer der Mensch um Gott und um Gottes willen allein leidet, das macht ihm Gott leicht und süß. So denn habe ich am Anfang gesagt, womit wir unsere Predigt begannen: »Jesus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war«. Warum? Das mußte notwendig so sein, daß sie eine Jungfrau war und dazu ein Weib. Nun habe ich euch darüber gesprochen, daß Jesus empfangen ward; ich habe euch aber
(noch) nicht gesagt, was das »Burgstädtchen« sei, so wie ich
(denn) jetzt darüber sprechen will.
Ich hân underwîlen gesprochen, ez sî ein kraft in dem geiste, diu sî aleine vrî. Underwîlen hân ich geprochen, ez sî ein huote des geistes; underwîlen hân ich gesprochen, ez sî ein liehte des geistes; underwîlen hân ich gesprochen, ez sî ein vünkelîn. Ich spriche aber nû: ez enist weder diz noch daz; nochdenne ist es ein waz, daz ist hœher boben diz und daz dan der himel ob der erde. Dar umbe nenne ich ez nû in einer edelerr wîse dan ich ez ie genannte, und ez lougent der edelkeit und der wîse und ist dar enboben. Ez ist von allen Namen vrî und von allen formen blôz, ledic und vrî zemâle,als got ledic und vrî ist in im selber. Ez ist sô gar ein und einvaltic, als got ein und einvaltic ist, daz man mit dekeiner wîse dar zuo geluogen mac. Diu selbe kraft, dar abe ich gesprochen hân, dâ got inne ist blüejende und grüenende mit aller sîner gotheit und der geist in gote, in dirre selber kraft ist der vatergebernde sînen eingebornen sun als gewæhrlîche als in im selber, wan er wærliche lebet in dirre kraft, und der geist gebirt mit dem vater den selben eingebornen sun und sich selber den selben sun und ist der selbe sun in disem liehte und ist diu wârheit sprichet ez selbe.
{ Ich habe bisweilen gesagt, es sei eine Kraft im Geiste, die sei allein frei. Bisweilen habe ich gesagt, es sei eine Hut des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Licht des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Fünklein. Nun aber sage ich: Es ist weder dies noch das; Trotzdem ist es ein Etwas, das ist erhabener über dies und das als der Himmel über der Erde. Darum benenne ich es nun auf eine edlere Weise, als ich es je benannte, und doch spottet es sowohl solcher Edelkeit wie der Weise und ist darüber erhaben. Es ist von allen Namen frei und aller Formen bloß, ganz ledig und frei, wie Gott ledig und frei ist in sich selbst. Es ist so völlig eins und einfaltig, wie Gott eins und einfaltig ist, so daß man mit keinerlei Weise dahinein zu lugen vermag.
} [vgl. Proc. col.
I n. 69;
II n. 121] Jene nämliche Kraft, von der ich gesprochen habe, darin Gott blühend und grünend ist mir seiner ganzen Gottheit und der Geist in Gott, in dieser selben Kraft gebiert der Vater seinen eingeborenen Sohn so wahrhaft wie in sich selbst, denn er lebt wirklich in dieser Kraft, und der Geist gebiert mit dem Vater denselben eingeborenen Sohn und sich selbst als denselben Sohn und ist derselbe Sohn in diesem Lichte und ist die Wahrheit. Könntet ihr mir meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit sagt es selbst [
8].
Sehet, nû merket! Alsô ein und einvaltic ist diz bürgelîn boben alle wîse, dâ von ich iu sage und daz ich meine, in der sêle, daz disiu edele kraft, von der ich gesprochen hân, niht des wirdic ist, daz si iemer ze einem einigen mâle einen ougenblik geluoge in diz bürgelîn und ouch diu ander kraft, dâ ich von sprach, dâ got ist inne glimmende und brinnende mit aller sîner rîcheit und mit aller sîner wunne, diu engetar ouch niemer mê dar în geluogen; sô rehte ein und einvaltic ist diz bürgelîn, und sô enboben alle wîse und alle krefte ist diz einic ein, daz im niemer kraft noch wîse zuo geluogen mac noch got selber. Mit guoter wârheit und alsô wærlîche, als daz got lebet! Got selber luoget dâ niemer în einen ougenblik und geluogete noch nie dar în, als verre als er sich habende ist nâch wîse und ûf eigenschaft sîner persônen. Diz ist guot ze merkenne, wan diz einic ein ist sunder wîse und sunder eigenschaft. Und dar umbe: sol got iemer dar în geluogen, ez muoz in kosten alle sîne götlîche Namen und sîne persônlîche eigenschaft; daz muoz er alzemâle hie vor lâzen, sol er iemer mê dar în geluogen. Sunder als er ist einvaltic ein, âne alle wîse und eigenschaft: dâ enist er vater noch sun noch heiliger geist in disem sinne und ist doch ein waz, daz enist noch diz noch daz.
Seht, nun merkt auf! So eins und einfaltig ist dies »Bürglein« in der Seele, von dem ich spreche und das ich im Sinn habe, über alle Weise erhaben, daß jene edle Kraft, von der ich gesprochen habe, nicht würdig ist, daß sie je ein einziges Mal
(nur) einen Augenblick in dies Bürglein hineinluge, und auch die andere Kraft, von der ich sprach, darin Gott glimmt und brennt mit all seinem Reichtum und mit all seiner Wonne, die wagt auch nimmermehr da hineinzulugen; so ganz eins und einfaltig ist dies Bürglein und so erhaben über alle Weise und alle Kräfte ist dies einige Eine, daß niemals eine Kraft oder eine Weise hineinzulugen vermag noch Gott selbst. In voller Wahrheit und so wahr Gott lebt: Gott selbst wird niemals nur einen Augenblick da hineinlugen und hat noch nie hineingelugt, soweit er in der Weise und »Eigenschaft« seiner Personen existiert. Dies ist leicht einzusehen, denn dieses einige Eine ist ohne Weise und ohne Eigenheit. Und drum:
{ Soll Gott je darein lugen, so muß es ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine Personhafte Eigenheit
} [vgl.
Proc. col I n. 69]; das muß er allzumal draußen lassen, soll er je darein lugen. Vielmehr, so wie er einfaltiges Eins ist, ohne alle Weise und Eigenheit, so ist er weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist in diesem Sinne und ist doch ein Etwas, das weder dies noch das ist.
Sehet, alsus als er ein ist und einvaltic, alsô kumet er in daz ein, daz ich dâ heize ein bürgelîn in der sêle, und anders kumet er enkeine wîse dar în; sunder alsô kumet er dar în und ist dâ inne. Mit dem teile ist diu sêle gote glîch und anders niht. Daz ich iu geseit hân, daz ist wâr; des setze ich iu die wârheit tz einem geziugen und mîne ze einem pfande.
Seht,
{ so wie er eins und einfaltig ist, so kommt er in dieses Eine, das ich da heiße ein Bürglein in der Seele, und anders kommt er auf keine Weise da hinein
} [vgl.
Proc. col I n. 69]; sondern nur so kommt er da hinein und ist darin. Mit
dem Teile ist die Seele Gott gleich und sonst nicht. Was ich euch gesagt habe, das ist wahr; dafür setze ich euch die Wahrheit zum Zeugen und meine Seele zum Pfande [
9].
Daz wir alsus sîn ein bürgelîn, in dem Jêsus ûfgange und werde enpfangen und êwiclîche in uns blîbe in der wîse, als ich gesprochen hân, des helfe und got. Âmen.
Daß wir so ein »Bürglein« seien, in dem Jesus aufsteige und empfangen werde und ewig in uns bleibe in der Weise, wie ich's gesagt habe, dazu helfe uns Gott. Amen.
Anmerkungen Quint
1 Mit wie er war, da er noch nicht war ist die Existenz des Menschen als Idee in Gott gemeint. Eckehart läßt sich über diese Vorexistenz des Menschen in seiner Idee in der Predigt 32 genauerhin aus [JQ, S. 471].
2 Die Kraft, von der der Prediger in diesem Abschnitt spricht, ist die oberste Vernunft, über die Eckehart an sehr vielen Stellen handelt, insbesondere an der durch die RS inkriminierten und wiederholt von Eckehart verteidigten Stellen der Pr. 13 [S. 471].
Eigene
1, 2 Solche Aufforderungen sind typisch für Eckhart als Lehrer. Er predigt wohl vor dem Nachwuchs im Konvent.
3 Das eine Jahr, von dem Eckhart hier spricht: Könnte damit das eine Jahr gemeint sein, dass die Novizen hinter sich brachten, um aufgenommen zu werden? Ist der Anlaß dieser Predigt die Profess? Sie werden ja nun gewissermaßen "jungfräulich" in den Orden aufgenommen und haben ihr Werk noch vor sich.
4 "Zufall": In Gen. n. 289; In Joh. nn. 134, 512, 716; Prr. 3, 16b, 35, 104.
5 "Nun": (In Gen. n. 88); In Joh. nn. 293, 739; Predigten [Nr., in () Anzahl der Nennungen]: 1 (3), 2 (9), 9 (4), 10 (2), 11 (2), 15, 19, (21), 30, 35 (2), 38 (2), 43, 49, 50 (2), 54b (2), 69 (4), 76, 77, 83 und Sermo VIII (2).
Was Eckhart vielleicht von sich wies, könnte u.a. dieser Absatz gewesen sein: "Wäre der Geist allzeit mit Gott in dieser Kraft vereint, der Mensch könnte nicht altern; denn das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als ein Nun". In einem Satz vier Nun. Im ganzen Johanneskommentar spricht Eckhart nur zweimal das Nun an. Und das der Mensch nicht altert, erscheint eigentlich sonst nicht als dringender Wunsch Eckharts. Außer an dieser Stelle gibt es sonst nur noch zwei Äußerungen: "'Jüngling!' Alle Kräfte, die der Seele zugehören, altern nicht." (Pr. 43) oder in dem Sermon: "Denn 'nichts Neues gibt es unter der Sonne' (Pred. 1,10); zum Beispiel: die geistigen Kräfte altern nicht." (Serm. VI., n. 80).
In einer Predigt (35) erscheint das Nun im Schlusssatz: "Daß wir zu diesem Nun kommen, dazu helfe uns Gott. Amen" (DW 2, S. 670).
6 Auch diese beiden Sätze dürfte Eckhart von sich gewiesen haben: 'glimmend' ('glimmt' immerhin noch in Pr. 13) und 'unleiblich' erscheinen im gesamten Oeuvre nur hier.
7 Auch hier bin ich skeptisch. Eckhart spricht vom Zentner nur noch an zwei anderen Stellen und da heißt es dann: "Nun spricht er: 'Jüngling, ich sage dir, steh auf!' Er will das Werk selbst wirken. Hieße mich jemand einen Stein tragen, so dürfte er mich ebenso gut tausend Steine tragen heißen wie einen, dafern er es (= das Tragen) selbst besorgen wollte. Oder hieße jemand (einen andern) einen Zentner tragen, so dürfte er ihn ebenso gut tausend Zentner tragen heißen wie einen, wenn er sie selber tragen wollte. Nun denn: Gott will dieses Werk selbst wirken, der Mensch braucht nur zu folgen und nicht zu widerstehen" (Pr. 42, DW 2, S. 694) und: "Erstens: Gott selbst ist es, der dies bewirkt: 'der Vater, der in mit bleibt, er tut die Werke' (14,10) und 'wirkt in uns das Wollen und das Vollbringen' (Phil. 2,13); 'alle unsere Werke hast du für uns gewirkt' (Jes. 26,12). Hier werden, wie man bemerkt, zwei Ursachen angedeutet, deretwegen jedes gute Werk dem leicht wird, der es tut: einmal, weil Gott es wirkt, sodann weil er es für uns wirkt. Gewiß wäre es einem Menschen ebenso leicht, tausend Zentner Eisen oder Blei zu tragen wie einen, wenn ein anderer mit Riesenkräften die Last und Bürde auf sich nähme" (In Joh. n. 243). Hier hört sich das so an, als habe jemand nicht recht verstanden, was Eckhart eigentlich zum Ausdruck bringen wollte.
8 Der Absatz "Jene nämliche Kraft.." erscheint mir völlig uneckhartisch - 'blühend und grünend' gibt es nur hier. Ebenso entsprechen alle Stellen der Predigt, wo er davon spricht, dass etwas in die Seele "hineinlugt" nicht dem Eckhart anderer Predigten, wo er vom "Heraus-lugen" spricht, aber niemals vom "Hinein-lugen". Hier hat sich jemand kräftigt am Text zu schaffen gemacht und es verwundert nicht, dass Eckhart sich davon distanziert. Auch in seiner Stellungnahme geht er nicht auf diese "schlaftrunkene" These vom Hineinlugen Gottes in die Seele ein. Ich befürchte, hier muß noch einmal eine gründliche Nacharbeit erfolgen, die die Spreu (die eingeschobenen Textpassagen) vom Weizen (die eigentliche Predigt Eckharts) trennt.
9 "Dafür .. setze ich meine Seele zum Pfande". Das ist nicht Eckhart. Eckhart wettet nicht. Allerdings zitiert Löser zu Par. an. 16 aus der Hs. Lo4: "Jch setcze myne sele czü phande" (f. 160) [Löser, mê, S. 215] bzw. heißt es in Predigt S 91: "Ich setze mîne sêle ze pfande an dem jüngesten tage ze der helle ze gebenne, daz diz wâr sî, daz ich nû sprechen wil" [DW 4,1, S. 95,95 f.]. Anscheinend wettet er also doch. Das sind aber auch die einzigen Stellen, die mir bekannt sind.
1 Der mittelhochdeutsche Text entspricht Quints Edition in DW 1, während seine Übersetzung dem Buch: Josef Quint, Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, München 1963 [Quint, S. 159-164] entnommen ist. Die Texteinschübe Quints in () sind etwas eingerückt.
Die Texteinschlüsse in {} bezeichnen die Zitate, die von den Inquisitoren als der Häresie verdächtig angesehen und ins Lateinische übersetzt wurden. [17.1.08]
Edition
Pfeiffer, Nr. VIII S. 42-47.
Quint, DW 1, S. 24-45.
Übersetzung: Büttner II S. 151 ff., 2.1934 S. 269 ff., Lehmann S. 171 ff., Schulze-Maizier S. 307 ff., Quint (DW 1) S. 434-438 - (vgl. Bibliographie).
Beschreibung
"Die Predigt ist in 15 Hss. und im BT ganz, in sechs Hss. fragmentarisch überliefert. Die Predigt ist hsl. für Meister Eckhart bezeugt. Johannes Wenck und der unbekannte Verfasser des Traktats Von den drin fragen zitieren den vorliegenden Text. - Ruh folgt Pahncke in der von Quint zurückgewiesenen Annahme, »daß die Predigt in dieser, den Kölner Inquisitoren wie uns geläufigen Form das Produkt eines Redaktors ist, der zwei Predigten ineinander geschoben hat [, einer] ("Rahmenpredigt") [und einer] ("Binnenpredigt"), deren erste Hälfte uns nicht bekannt ist.« [Ruh, Eckhart, S. 143]. Die Annahme Ruhs und Pahnckes kann erklären, warum Eckhart im Proc. Col. die Authentizität des ihm vorgelegten Texts nicht anerkannte, ohne sich jedoch inhaltlich von der inkriminierten Stelle zu distanzieren" [Largier, S. 759] (Zu den Hss. s. Predigten).
BT = Tauler, Opera, Basel (BTa 1521, BTb 1522).
In der Responsio wird in beiden Listen auf eine Stelle dieser Predigt Bezug genommen: In der ersten Liste in n. 69 (Antwort Eckharts darauf in n. 147) und in der zweiten Liste in n. 121 (Antwort in n. 122). "Echtheit: gesichert durch RS." [DW 1, S. 22] [15.1.08]
Datierung
Die Predigt ist in der vorliegenden Form von Eckhart als einzige von 16 der in der Responsio zitierten nicht authorisiert. Dort sagt er dazu: "so habe ich zu bemerken: Es ist in dieser Predigt viel Dunkles und Zweifelhaftes, was ich niemals gesagt habe" und "Ich habe zu bemerken, daß in dieser Predigt, die mir schon vor langem einmal vorgehalten wurde, sich vieles findet, was ich niemals gesagt habe. Auch ist viel Sinnloses, Dunkles, Wirres und gleichsam Schlaftrunkenes darin, weshalb ich es ganz und gar von mir wies".
Die Kölner Inquisitoren formulieren: "iam dudum mihi oblatum" (LW V, S. 347). Karrer und Ruh übersetzen mit "die mir schon vor langem einmal vorgehalten wurde". Ruh schließt daraus, dass Eckhart schon einmal in Straßburg angefeindet wurde. Gebe ich in einem Online-Wörterbuch "dudum" ein, erhalte ich die Übersetzungsergebnisse: "lange, längst, seit längerer Zeit" und in der Kombination 'iam dudum': "schon längst". Stowasser meint "meist (mit iam)" und verweist auf 'dum'. Dort steht: dum (viell. eigtl. 'eine Weile', zusammenhängend mit du-dum). Was lernen wir daraus? Eckhart spricht hier nicht davon, dass man ihm die Predigt in irgendeiner Vergangenheit einmal vorhielt, sondern dass er schon des Öfteren darauf angesprochen worden war!
Halten wir fest: Eckhart hat diese Predigt in der vorliegenden Form NICHT gehalten. Streichen wir all das heraus, was sich mit dem überlieferten Werk nicht in Einklang bringen läßt (s. als erste Näherung meine Anmerkungen), dann bleibt nur noch ein dürres Gerippe übrig, das sich nahezu auf die Antworten Eckharts in der Responsio reduzieren läßt (Proc. col I n. 147, II n. 122). Worum es sich hier genau handelt, ist noch nicht untersucht worden, aber es erscheint über viele Passagen hinweg eher wie eine Parodie auf Eckhart als Lehrer.
Ruh geht selbstverständlich davon aus, dass diese Predigt in Köln gehalten wurde, wenn er meint, das "iam dudum" (s.o.) verweise auf seine "Straßburger Zeit" [Ruh, Eckhart, S. 149], aber seine Einschätzung, es handele sich hier um "eine der umfassendsten Darlegungen von Eckharts Lehre vom Seelenfünklein .., in dem sich die Gottesgeburt ereignet" (S. 145) geht m.E. völlig fehl und dem (den) unbekannten Verfasser(n) auf den Leim.
Reduziert man Eckharts Predigtwerk auf die beiden Pole Erfurt und Köln (s. Leben 1314), so läßt sich der Kern der vorliegenden Predigt eher Köln zuordnen als Erfurt, was im Kontext bedeutet: Irgendwann zwischen 1314 und 1326 als Lektor am Generalstudium. Eine konkretere Feststellung kann erst nach einer Neuedition aller zugrundeliegenden Handschriften getroffen werden.