Unser Herr spricht: 'In der Pforte des Gotteshauses steh und sprich aus das Wort und bring das Wort vor!' (Jer. 7,2). Der himmlische Vater spricht ein Wort und spricht es ewiglich, und in diesem Worte verzehrt er alle seine Macht, und er spricht in diesem Worte seine ganze göttliche Natur und alle Kreaturen aus. Das Wort liegt in der Seele verborgen, so daß man es nicht weiß noch hört, dafern ihm nicht in der Tiefe Gehör verschafft wird; vorher wird es nicht gehört; vielmehr müssen alle Stimmen und alle Laute hinweg, und es muß eine lautere Stille da sein, ein Stillschweigen. Über diesen Sinn will ich jetzt nicht weiter sprechen.
Nun: 'Steh in der Pforte!' Wer da steht, dessen Glieder sind geordnet. Er will sagen, daß das oberste Teil der Seele fest ausgerichtet stehen soll. Alles, was geordnet ist, das muß geordnet sein unter das, das über ihm ist 1. Alle Kreaturen gefallen Gott nicht, wenn das natürliche Licht der Seele sie nicht überglänzt, in dem sie ihr Sein empfangen, und wenn des Engels Licht das Licht der Seele nicht überglänzt und sie bereitet und füglich macht, daß das göttliche Licht darin wirken könne; denn Gott wirkt nicht in körperlichen Dingen, er wirkt (vielmehr nur) in der Ewigkeit. Darum muß die Seele gesammelt und emporgezogen sein und muß ein Geist sein. Dort wirkt Gott, dort behagen Gott alle Werke. Nimmer ist Gott irgendein Werk wohlgefällig, es werde denn dort gewirkt.
Nun: 'Steh in der Pforte im Hause Gottes!' [
1,
Rv 18] Das 'Haus Gottes' ist die Einheit seines Seins! Was Eins ist, das hält sich am allerbesten ganz für sich allein. Darum steht die Einheit bei Gott und hält zusammen und legt nichts hinzu. Dort sitzt er in seinem Eigensten, in seinem esse, ganz in sich, nirgends außerhalb seiner. Aber da, wo er schmilzt, da schmilzt er aus. Sein Ausschmelzen ist seine Gutheit, wie ich kürzlich im Zusammenhang des Themas Erkennen und Liebe sagte 2. Das Erkennen löst ab, denn das Erkennen ist besser als die Liebe. Aber zwei sind besser als eins, denn das Erkennen trägt die Liebe in sich. Die Liebe vernarrt sich und hängt sich fest in die Gutheit, und in der Liebe bleibe ich (denn also) 'in der Pforte' hängen, und die Liebe wäre blind, wenn es kein Erkennen gäbe. Ein Stein hat auch Liebe, und dessen Liebe sucht den (Erd-)Grund. Bleibe ich in der Gutheit hängen, im ersten Ausschmelzen, und nehme Gott, sofern er gut ist, so nehme ich die 'Pforte', nicht aber nehme ich Gott. Darum ist das Erkennen besser, denn es leitet die Liebe. Die Liebe aber weckt das Begehren, das Verlangen. Das Erkennen hingegen fügt keinen einzigen Gedanken hinzu, vielmehr löst es ab und trennt. sich ab und läuft vor und berührt Gott, wie er bloß ist, und erfaßt ihn einzig in seinem Sein.
'Herr, es ziemt wohl deinem Hause', darin man dich lobt, 'daß es heilig sei' und daß es ein Bethaus sei 'in der Länge der Tage' (Ps. 92,5). Ich meine nicht die Tage hier (= die irdischen Tage): Wenn ich sage "Länge ohne Länge", so ist das (wahre) Länge; "eine Breite ohne Breite", das ist (wahre) Breite. Wenn ich sage "alle Zeit", so meine ich: oberhalb der Zeit, mehr noch:
ganz oberhalb des Hier, wie ich oben sagte, dort, wo es weder Hier noch Nun gibt.
Eine Frau fragte unsern Herrn, wo man beten sollte. Da sprach unser Herr: 'Die Zeit wird kommen und ist schon jetzt da, da die wahren Anbeter beten werden im Geiste und in der Wahrheit. Weil Gott ein Geist ist, darum soll man im Geiste und in der Wahrheit beten' (Joh. 4,23/24). Was die Wahrheit selbst ist, das sind wir nicht; zwar sind wir (auch) wahr, aber es ist ein Teil Unwahres dabei 1. So aber ist es in Gott nicht. Vielmehr soll die Seele im ersten Ausbruch, wo die (reine, volle) Wahrheit ausbricht und entspringt, in der 'Pforte des Gotteshauses' stehen und soll das Wort aussprechen und vorbringen. Alles, was in der Seele ist, soll sprechen und loben, und die Stimme soll niemand hören. In der Stille und in der Ruhe -
wie ich kürzlich von jenen Engeln sagte, die da sitzen bei Gott im Chor der Weisheit und des Brandes -‚ dort spricht Gott in die Seele und spricht sich ganz in die Seele 2. Dort gebiert der Vater seinen Sohn und hat so große Lust an dem Worte, und er hat so große Liebe dazu, daß er niemals aufhört, das Wort zu sprechen alle Zeit, das heißt: über der Zeit. Es paßt gut zu unsern Ausführungen, daß wir sagen: 'Deinem Hause ziemt wohl Heiligkeit' und Lob und daß nichts anderes darin sei, als was dich lobt.
Unsere Meister sagen: Was lobt Gott? - Das tut die Gleichheit. So denn lobt alles Gott, was in der Seele Gott gleich ist; was irgend Gott ungleich ist, das lobt Gott nicht; so wie ein Bild seinen Meister lobt, der ihm eingeprägt hat die ganze Kunst, die er in seinem Herzen birgt, und der es (= das Bild) sich so ganz gleich gemacht hat. Diese Gleichheit des Bildes lobt seinen Meister wortlos. Was man mit Worten zu loben vermag oder mit dem Munde betet, das ist etwas Geringwertiges. Denn unser Herr sprach einstmals: 'Ihr betet, wißt aber nicht, was ihr betet. Es werden (jedoch) noch wahre Beter kommen, die meinen Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten' (Joh. 4,22/23). Was ist (das) Gebet? Dionysius 3 sagt: Ein Aufklimmen zu Gott in der Vernunft, das ist (das) Gebet. Ein Heide sagt: Wo Geist ist und Einheit und Ewigkeit, da will Gott wirken. Wo Fleisch ist wider Geist, wo Zerstreuung ist wider Einheit, wo Zeit ist wider Ewigkeit, da wirkt Gott nicht; er verträgt sich nicht damit. Vielmehr muß alle Lust und alles Genügen und Freude und Wohlbehagen, die man hier (auf Erden) haben kann, - das alles muß weg. Wer Gott loben will, der muß heilig und gesammelt sein und ein Geist sein und nirgends draußen sein, vielmehr muß er ganz "gleich" emporgetragen sein in die Ewigkeit hinauf über alle Dinge. Ich meine nicht (nur) alle Kreaturen, die geschaffen sind, sondern (zudem) alles, was er vermöchte, wenn er wollte; darüber muß die Seele hinauskommen. Solange (noch) irgend etwas über der Seele ist und
solange (noch) irgend etwas vor Gott ist, was nicht Gott ist, so lange kommt sie nicht in den Grund 'in der Länge der Tage.'
Nun sagt Sankt
Augustinus: Wenn das Licht der Seele, in dem die Kreaturen ihr Sein empfangen, die Kreaturen überglänzt, so nennt er das einen Morgen. Wenn des Engels Licht das Licht der Seele überglänzt und es in sich schließt, so nennt er das einen Mittmorgen. David spricht: 'Des gerechten Menschen Steig wächst und steigt an bis in den vollen Mittag' (Spr. 4,18). Der Steig ist schön und gefällig und lustvoll und traulich. Weiterhin: wenn (nun) das göttliche Licht des Engels Licht überglänzt und das Licht der Seele und des Engels Licht sich in das göttliche Licht schließen, so nennt man das den Mittag. Dann ist der Tag im Höchsten und im Längsten und im Vollkommensten, wenn die Sonne am höchsten steht und ihren Schein auf die Sterne gießt und die Sterne ihren Schein auf den Mond gießen, so daß es alles unter die Sonne geordnet wird. Ganz so hat das göttliche Licht des Engels Licht und der Seele Licht in sich beschlossen, so daß es alles geordnet und aufgerichtet steht, und sodann lobt es allzumal Gott. Da ist nichts mehr, was Gott nicht lobte, und steht alles Gott gleich, je gleicher, um so voller Gottes, und lobt Gott allzumal. Unser Herr sprach: 'Ich werde mit euch wohnen in eurem Hause' (Jer. 7,3/7). Wir bitten Gott, unsern lieben Herrn, daß er hier mit uns wohne, auf daß wir ewiglich mit ihm wohnen mögen; dazu helfe uns Gott. Amen.
Anmerkungen Quint
Eigene
1 Auf diese Stelle und die anschließenden Ausführungen bezieht sich der Rv. von Pr. 18 [S. 314, Anm. 1].
Die Übersetzung und die Anmerkungen Quints entsprechen dem Abdruck in: Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, Die deutschen Werke, Kohlhammer Stuttgart 1958, S. 499-501. Die Texteinschübe und Verweise auf Bibelstellen Quints in () sind etwas eingerückt. Die Anmerkungen zur Übersetzung in () sowie meine Anmerkungen in [] sind fortlaufend beziffert. Im Original wird auf jeder Seite neu gezählt. (Hier ist nur ein Bruchteil seiner Anmerkungen wiedergegeben). Die dort kursiv gedruckten Stellen sind hier in normaler Schrift wiedergegeben.
Zur farblichen Gestaltung s. Darbietung.
Edition
Pfeiffer, Nr. XXXV S. 120-123.
Strauch, Nr. 20 S. 48-50.
Quint, DW I, S. 308-321.
Übersetzung:
Beschreibung
"Die Predigt ist in sechs Hss. ganz, in acht weiteren Hss. fragmentarisch überliefert. Sie ist hsl. für Meister Eckhart bezeugt" [Largier, S. 920] (Zu den Hss. s. Predigten).
Datierung
(Mit ziemlicher Sicherheit auf Köln. Die Predigt ist noch nicht bearbeitet - s. 2003)