Eckhart-Legenden 1

legende
Schwester Katrei
- Exempel von den 10 Punkten
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Anmerkungen
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Allgemein

  Mit 'Eckhart-Legenden' überschrieb Josef Quint vier Stücke in seiner Meister Eckhart-Ausgabe (seit 1955 in mehrfacher Auflage erschienen), wobei der Titel bereits tradiert war. Alle hier angebotenen Textstücke sind 1857 von Franz Pfeiffer (s. Werk und 'Eckhart-Ausgaben') abgedruckt worden, wobei er 'Schwester Katrei' als Traktat Nr. 6 und die anderen Stücke als 'Sprüche' kennzeichnete. Mit den 'Legenden' werden in der Literatur im Wesentlichen die Sprüche 67-70 bezeichnet, wobei auch "die schwester Katrei" "in weiterem sinne in die reihe dieser Eckehartlegenden" gehört (Spamer, Überl., S. 408). Und eigentlich gehört auch Sprüche Nr. 66 dazu, obwohl bisher keine 'Überschrift' dafür gefunden wurde. Da nun diese Stücke in den Textzeugen verzeichnet sind, sind hier die Hss. und Drucke angegeben, die die Texte oder Fragmente davon enthalten (direkt unter der Überschrift gelistet).
  Die insgesamt 30 Übersetzungen stammen von Quint (die genannten vier Stücke Pf. Spr. 67-70), Gustav Landauer und Schulze-Maizier (Nr. 71). Quint gab seinen Übersetzungen Überschriften, während Landauer sie bis auf den Traktat über Schwester Katrei nur wie Pfeiffer durchnummerierte. Ich halte mich hier an die Pfeiffersche Nummerierung. In den Anmerkungen dazu sind die Angaben Quints kenntlich gemacht und die Nachweise zu den Übersetzungen Landauers nach dem sehr informativen Buch von Thorsten Hinz [Hinz]. Landauer zählte seine Übersetzungen von 1 bis 23 durch.
  Zu Landauer sollte noch angemerkt werden, daß es ihm nicht auf eine wissenschaftliche Bearbeitung der Vorlage ankam, weshalb er auch von der Eckhart-Forschung weitgehend ignoriert wird. So sagt er im Vorwort: "Das allermeiste, was von ihm [Eckhart] überliefert ist, ist für uns völlig wertlos geworden, da es nur logisches Wortgetiftel ist, das damals die Naturwissenschaft ersetzen mußte, weil es an Beobachtungen und Kenntnissen fehlte (...) Die folgende Auswahl bietet also etwa den fünften oder sechsten Teil dessen, was auf uns gekommen ist. Nichts, was Bedeutung hat, ist weggelassen (...) An dieser Stelle philologisch über meine Weglassungen und Textauslegung Rechenschaft zu geben, ist nicht meine Absicht, weil es für den Leser keinen Wert hätte. Wer meine Übersetzung kritisch prüfen will, kann von mir Auskunft erhalten." (S. 9/10). Nun, wenn ich eine Frage an ihn habe, dann habe ich wohl einfach Pech - es dürfte schwierig werden, ihn jetzt noch zu befragen ...
  Die Echtheit ist nach wie vor ungeklärt. Es bleibt abzuwarten, ob und wenn welche Sprüche in den deutschen Werken erscheinen werden (s. Werk). Zur Datierung kann ich hier ebenfalls keine Aussage machen.
  Schließlich wies Heinrich Denifle bereits 1886 darauf hin, dass die Sprüche Nr. 32, 33, 34, 41 und 44 freie Übersetzungen aus der Expositio in Sapientia darstellen [Denifle, Lehre, S. 429-432]. Inzwischen sind von etlichen Forschern vielfältige 'Gleichsetzungen' erkannt worden, was Pfeiffers 'Traktate', 'Sprüche' und sein 'Liber positionum' betrifft. Einen ersten Einblick erhält man unter Eckhart-Ausgaben (s. Jostes). [21.12.08]

- Pfeiffer, Traktat 6

Schwester Katrei
  (s. 2012, Tab. 6)

Str10 | S2 | Br14 | Ha9 | Str1 | B13 | Me1 | M1 | Ka10 | D2 | G4 | Co | P1 | St2 | E3 | Fr2 | N15 - Eckhart-Siglen
Stemma der 13 Hss. nach Simon und der vier von Schweitzer hinzugefügten Hss. Br14, Ha9, D2 und Ka10 (S. 320) - Katrei-Siglen
  Simon unterteilte die Überlieferung des Textes aufgrund der ihm bekannten 13 Hss. (1905) in verschiedene Klassen, die inzwischen einer Revision bedürften (Schweitzer, ²VL 8, Sp. 948), aber nach wie vor gültig sind:

  1. Hauptklasse I (längere Dialogfassung ohne Plustext)
    • (Br9 von Dolch eingeordnet)
  2. Hauptklasse II (längere und kürzere Fassungen mit Plustext, u.a. die Kurzfassung Pfeiffers)
    1. Unterklasse I
    2. Unterklasse II (D2 ~ II,2(2), Ka10 ~ II,4 - s. Stemma)
    3. Unterklasse III
  3. Hauptklasse III (Bearbeitungen; Au4 und Au5 nach Morgan, S. 55)
  Hinzu kommen das Exempel, Fragmente und zwei noch nicht eingeordnete Hss.:
  1. "Exempel von den zehn Punkten" (Dolch, s.u.)
    • (Die beiden Drucke eingereiht)
    • Außerdem: Leiden, Ltk. 502, f. 93r-94v (Quint, PBB 82, S. 380). Zu der Hs. konnte ich keinerlei Informationen ermitteln, sie wird in keiner bekannten Datenbank geführt (wie HSC oder BNM).
  2. Fragmente
  3. Nicht eingeordnet
[Insgesamt zu Katrei: 20 Volltext-Hss., 16 Fragment-Hss. und drei unklare Hss. sowie 33 Exempel-Hss. (+ 2 Drucke) = 74 Textzeugen (s. G4)] [12.6.17]
Exempel von den 10 Punkten
(2 Drr., 33 Hss.)

Exempel von den 10 Punkten
Schweitzer, Katrei, S. 371f. nach der Hs. Ka10 (Bild anklicken für große Ansicht)

  Simon beschrieb dieses "Stück", wie er es in seiner Dissertation zum Thema "Schwester Katrei" 1906 nannte (S. 18f.), aufgrund dessen besonderen Stellung in der Hs. St. Gallen, Cod. Sang. 965 (G4), wo es vor dem Haupttext des "Traktats" erscheint, auf das an der entsprechenden Stelle im Haupttext verwiesen wird:

"Si sprach: 'Jch reden wol mit úch von ussern dingen!' Er sprach: / daz su°ch da vor na by disem zaichen + /" (das Kreuz findet sich daneben am Rand der Seite 218 wie oben auf Seite 182 [von G4]). [Schweitzer, S. 433]

  In allen Hss., die den Haupttext von "Schwester Katrei" überliefern, ist der Text integriert. Dieses "Exempel" gibt es in verschiedenen Sprachen und Redaktionen, die in etwa Pfeiffer 467,27 bis 468,15 (im Kern) entsprechen, das aber noch keinen eindeutigen Bezeichner, keinen Namen hat.

  Für Simon war es, wie gesagt, das "Stück"; weitere Titel sind: "Exempel von den 10 Punkten" (Dolch), "Meesterexempel" (Axters), "Zehn Regeln" (Schweitzer), "10-Punkte-Traktat" (Thurn) und "Exempel" (Schneider).

  Einzeln, also unabhängig vom sonstigen "Schwester Katrei"-Text, ist das ursprünglich selbständige Exempel in den oben genannten 31 Hss. (in G4 parallel) und den zwei Drucken (KT, ST) überliefert (s. G4), wobei die Liste sicherlich noch nicht vollständig ist (vgl. Schweitzer, S. 371f., 433-435, 667 Anm. 2). [11.6.13]

Gespräch zwischen Schwester Katrei und dem Beichtvater

  "Der Traktat ist nicht viel später als 1317, also um das Jahr 1320 herum, im oberrheinischen Raum, wahrscheinlich in Straßburg, entstanden" (Schweitzer, S. 197). Der Text stammt nicht von Eckhart selbst, zeugt aber von dem großen Einfluß seiner Predigten.

  Der Beichtvater geht oft zu der Tochter und spricht: Sage mir, wie geht es dir jetzt. - Sie spricht: Es geht mir übel, mir ist Himmel und Erde zu eng. Er bittet sie, ihm etwas zu sagen. Sie spricht: Ich weiss nicht, was so klar ist, dass ich es sagen könnte. - Er spricht: Tu es Gott zulieb, sage mir ein Wort. - Er gewinnt ihr mit vielem Bitten ein Wörtlein ab. Da redete sie mit ihm so wunderbar und so tiefe Sprüche von der nackten Findung göttlicher Wahrheit, dass er spricht: Weisst du, das ist allen Menschen unbekannt, und wäre ich nicht ein so grosser Gelehrter, dass ich es selbst in der Gotteswissenschaft gefunden hätte, so wäre es mir auch unbekannt. - Sie spricht: Das gönne ich euch schlecht; ich wollte, ihr hättet's mit dem Leben gefunden. - Er spricht: Du sollst wissen, dass ich davon so viel gefunden habe, dass ich es so gut weiss, wie ich es weiss, dass ich heute die Messe gelesen habe. Aber dass ich es nicht mit dem Leben in Besitz genommen habe, das ist mir leid. - Die Tochter spricht: Bittet Gott für mich, und geht wieder in ihre Einsamkeit zurück und verkehrt mit Gott. Es dauert aber nicht lange, so kommt sie wieder vor die Pforte, fragt nach ihrem würdigen Beichtvater und spricht: Herr, freuet euch mit mir, ich bin Gott geworden. - Er spricht: Gott sei gelobt! Geh weg von allen Leuten in deine Einsamkeit, bleibst du Gott, ich gönne ihn dir gern. -
  Sie ist dem Beichtvater gehorsam und geht in die Kirche in einen Winkel. Da kam sie dazu, dass sie alles dessen vergass, was je Namen trug, und ward so fern aus sich selbst und aus allen erschaffenen Dingen herausgezogen, dass man sie aus der Kirche tragen musste, und sie lag bis an den dritten Tag, und sie hielten sie für sicherlich tot . Der Beichtvater sprach: Ich glaube nicht, dass sie tot ist. - Wisset, wäre der Beichtvater nicht gewesen, so hätte man sie begraben. Man versuchte es mit allem, was man nur wusste, aber man konnte nicht finden, ob die Seele noch in dem Körper sei. Man sprach: Sie ist sicher tot. - Der Beichtvater sprach: Nein, gewiss nicht. - Am dritten Tag kam die Tochter wieder zu sich. Sie sprach: Ach, ich Arme, bin ich wieder hier? - Der Beichtvater war alsbald da und redete zu ihr und sprach: Lass mich göttlichen Wortes geniessen und tue mir kund, was du gefunden. - Sie sprach: Gott weiss wohl, ich kann nicht. Was ich gefunden habe, das kann niemand in Worte fassen. - Er sprach: Hast du nun alles, was du willst? - Sie sprach: Ja, ich bin bewähret. - Er sprach: Wisse, diese Rede höre ich gerne, liebe Tochter, rede weiter. - Sie sprach: Wo ich stehe, da kann keine Kreatur in kreatürlicher Weise hinkommen. - Er sprach: Berichte mich besser. -
  Sie sprach: Ich bin da, wo ich war, ehe ich geschaffen wurde, da ist bloss Gott und Gott. Da gibt es weder Engel noch Heilige, noch Chöre, noch Himmel. Manche Leute sagen von acht Himmeln und von neun Chören; davon ist da nichts, wo ich bin. Ihr sollt wissen, alles was man so in Worte fasst und den Leuten mit Bildern vorlegt, das ist nichts als ein Mittel zu Gott zu locken. Wisset, dass in Gott nichts ist als Gott; wisset, dass keine Seele in Gott hineinkommen kann, bevor sie nicht so Gott wird, wie sie Gott war, bevor sie geschaffen wurde. - Er sprach: Liebe Tochter, du sprichst wahr. Nun tu es um Gottes willen und rate mir deinen nächsten Rat, wie ich dazu komme, dass ich dies Gut besitze. - Sie sprach: Ich gebe euch einen getreuen Rat. Ihr wisset wohl, dass alle Kreaturen von Nichts geschaffen sind und wieder zu Nichts werden müssen, ehe sie in ihren Ursprung kommen. - Er sprach: Das ist wahr. -
  Sie sprach: So ist euch genug gesagt. Prüfet, was ist Nichts? - Er sprach: Ich weiss, was Nichts ist, und weiss wohl, was weniger ist als Nichts. Das sollst du so verstehn: alle vergänglichen Dinge sind vor Gott nichts. Wer also Vergängliches übt, der ist weniger als Nichts. - Warum? - Er ist des Vergänglichen Knecht. Nichts ist Nichts. Wer dem Nichts dient, ist weniger als Nichts. - Sie sprach: Das ist wahr. Danach richtet euch, wenn ihr zu eurem Gut kommen wollt, und ihr sollt euch vernichten unter euch selbst und unter alle Kreatur, so dass ihr nichts mehr zu tun findet, damit Gott in euch wirken könne. - Er sprach: Du sagst die Wahrheit. Ein Meister spricht: "Wer Gott als seinen Gott liebt und Gott als seinen Gott anbetet und sich damit genügen lässt, das ist für mich ein ungläubiger Mensch." - Sie sprach: Selig sei der Meister, der dies je gesprochen hat: er erkannte die Wahrheit. Ihr sollt wissen, wer sich damit genügen lässt, mit dem, was man in Worte fassen kann: Gott ist ein Wort, Himmelreich ist ein Wort; wer nicht weiter kommen will mit den Kräften der Seele, mit Erkenntnis und mit Liebe, als je in Worte gefasst ward, der soll mit Fug ein Ungläubiger heissen.
  Was man in Worte fasst, das begreifen die niedersten Sinne oder Kräfte der Seele. Damit begnügen sich die obersten Kräfte der Seele nicht: sie dringen immer weiter voran, bis sie in den Ursprung kommen, woraus die Seele geflossen ist. Ihr sollt aber wissen, dass die Kraft der Seele nicht in den Ursprung kommen kann. Wenn die Seele in ihrer Majestät über allen geschaffenen Dingen vor dem Ursprung steht, so bleiben alle Kräfte draussen. Das sollt ihr so verstehen. Es ist die Seele nackt und aller namentragenden Dinge entblösst, so steht sie eins in einem, so dass sie ein Vorwärtsgehen in der blossen Gottheit hat, wie das Oel auf dem Tuche, das läuft immer weiter: so läuft die Seele weiter und fliesst immer vorwärts, solange als Gott das angeordnet hat, dass sie dem Leib in der Zeit Wesen geben muss. Wisset, solange der gute Mensch auf Erden lebt, solange hat seine Seele Fortgang in der Ewigkeit. Darum haben gute Menschen das Leben lieb. Wie die Guten hinaufgehen, so gehen die Bösen, die in Fehlern sind, hinab. -
  Fürwahr, liebe Tochter, nun erkläre mir: Man spricht von der Hölle und vom Fegefeuer und vom Himmelreich, und davon lesen wir gar viel. Nun lesen wir aber auch, dass Gott in allen Dingen ist und alle Dinge in Gott. - Sie sprach: Das sage ich dir gerne, soweit ich's in Worte fassen kann. Hölle ist nichts als ein Wesen. Was hier das Wesen der Leute ist, das bleibt ihr Wesen in Ewigkeit, so wie sie drin gefunden werden. Eine Menge Leute glauben, sie hätten hier ein Wesen der Kreatur und dort besässen sie ein göttliches Wesen. Das kann nicht sein. Wisset, dass darin sich viele Leute täuschen. Das Fegefeuer ist ein angenommenes Ding wie eine Busse, das nimmt ein Ende. Man spricht vorn jüngsten Tage, dass Gott da Urteil sprechen soll. Das ist wahr. Es ist aber nicht so, wie die Leute wähnen. Jeder Mensch urteilt über sich selbst: wie er da in seinem Wesen erscheint, so soll er ewiglich bleiben. - Die Tochter redete immer weiter und kam mit der Rede auf Gott und sprach so viel von Gott, dass der Beichtvater nur immer sprach: Liebe Tochter, rede weiter. -
  Die Tochter sagte ihm so viel von der Grösse Gottes und seiner Macht und seiner Vorsehung, dass er von allen seinen äussern Sinnen kam, und man ihn in eine stille Zelle tragen musste, und da lag er eine lange Zeit, ehe er wieder zu sich kam. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er Begierde, dass die Tochter zu ihm käme. Die Tochter kam zu dem Beichtvater und sprach: Wie geht es euch jetzt? - Er sprach: Von Herzen gut. Gelobt sei Gott, dass er dich je zu einem Menschen schuf! Du hast mir den Weg zu meiner ewigen Seligkeit gewiesen, ich bin zur Anschauung Gottes gekommen, und mir ist ein wahres Wissen alles dessen gegeben, was ich von deinem Munde gehört habe. Fürwahr, liebe Tochter, gedenke der Liebe, die du von Gott hast, und hilf mir mit Worten und mit Werken, dass ich da, wo ich jetzt bin, ein Bleiben erlange. - Sie sprach: Wisset, das kann nicht sein, ihr habt nicht die rechte Natur dazu. Wenn eure Seele und eure Kräfte in gewohnter Weise den Weg auf und nieder gehen, wie ein Gefolge an einem Hofe aus und eingeht, und ihr das himmlische Gefolge und alles, was Gott je schuf, so gut zu unterscheiden versteht, wie ein Mann sein Gefolge kennt, dann sollt ihr den Unterschied zwischen Gott und der Gottheit prüfen. Dann erst sollt ihr danach trachten, dass ihr bewährt werdet. Ihr sollt euch nicht verirren, ihr sollt mit den Kreaturen Kurzweil suchen, dass ihr keinen Schaden davon nehmt und auch sie von euch keinen Schaden erleiden. Hiermit sollt ihr eure Kräfte heben, damit ihr nicht in Raserei verfallet. Dies sollt ihr so oft tun, bis die Kräfte der Seele gereizt werden, bis ihr in das Wissen gelangt, von dem wir vorhin geredet haben. - Gelobt und geehrt sei der süsse Name unsres Herrn Jesu Christi. Amen. [Landauer, S. 158-164] (1)

Sprüche

4 8 11 12 16 18 24 29 30 32 33 34 41 44 49 52 57 58 60 62 63 64 65 66 67 68 69 70 (71

- Pfeiffer, Spruch 4
F. Pfeiffer, S. 598,21-25 (aus W5)

  Meister Eckhart spricht: Wer in allen Räumen zu Hause ist, der ist Gottes würdig, und wer in allen Zeiten eins bleibt, dem ist Gott gegenwärtig, und in wem alle Kreaturen zum Schweigen gekommen sind, in dem gebiert Gott seinen eingeborenen Sohn. [Landauer, S. 218] (2) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 8
F. Pfeiffer, S. 599,18-34 (aus Ko)

  Es spricht Meister Eckhart: Nötiger wäre ein Lebemeister als tausend Lesemeister; aber lesen und leben ohne Gott, dazu kann niemand kommen. Wollte ich einen Meister von der Schrift suchen, den suchte ich in Paris und in den hohen Schulen hoher Wissenschaft. Aber wollte ich nach vollkommenem Leben fragen, davon könnte er mir nichts sagen. Wohin sollte ich dafür gehen? Allzumal nirgends anders als in eine nackte entledigte Natur: die könnte mir kund tun, wonach ich sie in Ehrfurcht fragte. Leute, was sucht ihr an den toten Uebeln? Warum sucht ihr nicht das lebendige Heil, das euch ewiges Leben geben kann? Denn der Tote hat weder zu geben noch zu nehmen. Und sollte ein Engel Gott ohne Gott suchen, so suchte er ihn nirgends anders als in einer entledigten nackten abgeschiedenen Kreatur. Alle Vollkommenheit liegt daran, dass man Armut und Elend und Schmach und Widerwärtigkeit und alles, was dir zustossen und dich bedrücken kann, willig, fröhlich, frei, begierig und bereit und unbewegt leiden kann und bis an den Tod dabei bleiben ohne alles Warum. [Landauer, S. 218 f.] (3) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 11
F. Pfeiffer, S. 600,12-23 (aus Ba2, E2)

  Meister Eckhart sprach: Wem in einem anders ist als im andern und wem Gott lieber in einem als im andern ist, der Mensch ist gewöhnlich und noch fern und ein Kind. Aber wem Gott gleich ist in allen Dingen, der ist zum Mann geworden. Aber wem alle Kreaturen überflüssig und fremd sind, der ist zum Rechten gekommen. Er ward auch gefragt: wenn der Mensch aus sich selbst herausgehen wollte, ob er noch um etwas Natürliches sorgen sollte? Da sprach er: Gottes Bürde ist leicht und sein Joch ist sanft; er will es nirgends als im Willen; und was dem trägen Menschen ein Graus ist, das ist dem hingerissenen eine Herzensfreude. Es ist niemand Gottes voll als wer im Grunde tot ist. [Landauer, S. 219] (4) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 12
F. Pfeiffer, S. (aus Ba2, E2)

  Gott verhängt kein Ding über uns, womit er uns nicht zu sich lockt. Ich will Gott niemals dafür danken, dass er mich liebt, denn er kann es nicht lassen, seine Natur zwingt ihn dazu; ich will dafür danken, dass er es in seiner Güte nicht lassen kann, dass er mich lieben muss. [Landauer, S. 219 f.] (5) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 16 (1. Absatz)
F. Pfeiffer, S. 601,27-31 (aus Ba2)

  Meister Eckhart sprach: Ich will Gott niemals bitten, dass er sich mir hingeben soll; ich will ihn bitten, dass er mich leer und rein mache. Denn wäre ich leer und rein, so müsste Gott aus seiner eigenen Natur sich mir hingeben und in mir beschlossen sein. [Landauer, S. 220] (6) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 18
F. Pfeiffer, S. 602,21-30 (aus E2, M3)

  Meister Eckhart spricht: Dass wir Gott nicht zwingen, wozu wir wollen, das liegt daran, dass uns zwei Dinge fehlen: Demut vom Grund des Herzens und kräftiges Begehren. ich sage das bei meinem Leben, — Gott vermag in seiner göttlichen Kraft alle Dinge, aber das vermag er nicht, dass er dem Menschen, der diese zwei Dinge in sich hat, nicht Gewährung schenke. Darum gebt euch nicht mit kleinen Dingen ab, denn ihr seid nicht zu Kleinem geschaffen; denn weltliche Ehre ist nichts als eine Verwandlung und ein Irrsal der Seligkeit. [Landauer, S. 220] (7) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 24
F. Pfeiffer, S. 604,17-20 (aus B4)

  Meister Eckhart der Prediger sprach auch also: Es ward nie grössere Mannhaftigkeit noch Streit noch Kampf, als wenn einer sich selbst vergisst und verleugnet. [Landauer, S. 220] (8) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 29 (die ersten 8 Zeilen)
F. Pfeiffer, S. 605,25-33 (aus Ka1)

  29 Bruder Eckhart predigte und sprach: Sankt Peter sprach: ich habe alle Dinge gelassen. Da sprach Sankt Jakob: wir haben alle Dinge weggegeben. Da sprach Sankt Johannes: wir haben gar nichts mehr. Da sprach Bruder Eckhart: wann hat man alle Dinge gelassen? So man alles das lässt, was der Sinn greifen kann, und alles, was man sprechen kann, und alles, was Farbe machen kann, und alles, was man hören kann, dann erst hat man alle Dinge gelassen. Wenn man so alle Dinge lässt, so wird man von der Gottheit durchklärt und überklärt. [Landauer, S. 220 f.] (9) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 30
F. Pfeiffer, S. 606,3-12 (aus E2)

  Wer werden will, was er sein sollte, der muss lassen, was er jetzt ist. Als Gott die Engel schuf, da war der erste Blick, den sie taten, dass sie des Vaters Wesen sahen und wie der Sohn aus dem Herzen des Vaters herauswuchs recht wie ein grünes Reis aus einem Baume. Diese freudenreiche Anschauung haben sie mehr als sechstausend Jahre gehabt, und wie sie ist, das wissen sie heutigen Tages nicht mehr, als damals, wie sie eben geschaffen waren. Und das kommt von der Grösse der Erkenntnis: denn je mehr man erkennt, desto weniger versteht man. [Landauer, S. 221] (10) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 32
F. Pfeiffer, S. 606,34-607,28 (aus Gi2)

  Und also soll ein Mensch sein Leben richten, der vollkommen werden will. Darüber spricht Meister Eckhart: Die Werke, die der Mensch von innen wirkt, sind lustvoll, sowohl dem Menschen wie Gott, und sind sanft und heissen lebendige Werke. Sie sind Gott deswegen wert, weil er es allein ist, der die Werke in dem Menschen wirkt, die von innen gewirkt werden [Pf. 606,3-6 fehlt]. Diese Werke sind auch dem Menschen süss und sanft, denn alle die Werke sind dem Menschen süss und lustvoll, wo Leib und Seele mit einander einhellig werden. Und das geschieht in allen solchen Werken. Diese Werke heissen auch lebendige Werke, denn das ist der Unterschied zwischen einem toten Tier und einem lebenden Tier, dass das tote Tier nur von einer äussern Bewegung bewegt werden kann, das heisst: wenn man es zieht oder trägt, und darum sind alle seine Werke tote Werke. Aber das lebende Tier bewegt sich selbst, wohin es will, denn seine Bewegung geht von innen aus und alle seine Werke sind lebende Werke. Recht in gleicher Weise heissen alle Werke der Menschen, die ihren Ursprung von innen nehmen, wo Gott allein bewegt, und die von dem Wesen kommen, unsere Werke und göttliche Werke und nützliche Werke. Aber alle die Werke, die aus einer äusseren Ursache und nicht aus dem innern Wesen geschehen, die sind tot und sind nicht göttliche Werke und sind nicht unsere Werke. Auch spricht Meister Eckhart, dass alle die Werke, die der Mensch von innen wirkt, willkürliche Werke sind. Was nun willkürlich ist, das ist angenehm, und darum sind alle Werke, die von innen geschehen, angenehm, und alle die Werke, die infolge äusserer Bewegung geschehen, sind unwillkürlich und sind knechtisch, denn wäre das Ding nicht, das von aussen bewegt, so geschähe das Werk nicht, und darum ist es unwillkürlich und knechtisch und unangenehm. [Landauer, S. 221 f.] (11) [21.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 33
F. Pfeiffer, S. 607,29-608,7 (aus Gi2)

  Meister Eckhart sprach, es könne kein Mensch in diesem Leben so weit kommen, dass er nicht auch äussere Werke tun solle. Denn wenn der Mensch sich dem beschaulichen Leben hingibt, so kann er vor grosser Fülle sich nicht halten, er muss ausgiessen und muss im wirkenden Leben tätig sein. Gerade wie ein Mensch, der gar nichts hat, der kann wohl mild sein, denn er gibt mit dem Willen; jedoch, wenn ein Mensch grossen Reichtum hat und nichts gibt, der kann nicht mild heissen. Und ebenso kann kein Mensch eine Tugend haben, der sich nicht dieser Tugend hingibt, wenn es Zeit und Raum erlaubt. Und darum sind alle die, die sich dem beschaulichen Leben hingeben und nicht äusseren Werken und sich ganz und gar von äusserern Werk abschliessen, im Irrtum und nicht auf dem rechten Weg. Da sage ich, der Mensch, der im beschaulichen Leben ist, kann wohl und soll sich von allen äussern Werken freimachen, solange er im Schauen ist; aber hernach soll er sich äussern Werken widmen, denn niemand kann sich allezeit und fortwährend dem beschaulichen Leben hingeben, und das wirkende Leben wird ein Aufenthalt des schauenden Lebens. [Landauer, S. 223 f.] (12) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 34
F. Pfeiffer, S. 608,8-29 (aus Gi2)

  Meister Eckhart und auch andere Meister sagen, dass zwei Dinge in Gott sind: Wesen und Wahrnehmen, das da relatio heisst. Nun sagen die Meister, dass des Vaters Wesen den Sohn nicht in der Gottheit gebiert, denn nach seinem Wesen sieht der Vater nichts anderes als in sein blosses Wesen und schaut sich selber darinnen mit all seiner Kraft, und da schaut er sich bloss ohne den Sohn und ohne den heiligen Geist und sieht da nichts als Einheit seines nämlichen Wesen. Wenn aber der Vater ein Anschauen und ein Wahrnehmen seiner selbst in einer andern Person haben will, so ist des Vaters Wesen in dem Wahrnehmen den Sohn gebärend, und weil er sich selbst in dem Wahrnehmen so wohlgefällt und ihm das Anschauen so lustvoll ist, und weil er alle Lust ewig gehabt hat, darum muss er dieses Wahrnehmen ewig gehabt haben. Darum also ist der Sohn ewig wie der Vater, und aus dem Wohlgefallen und der Liebe, die Vater und Sohn miteinander haben, hat der heilige Geist seinen Ursprung, und weil diese Liebe zwischen Vater und Sohn ewig gewesen ist, darum ist der heilige Geist ebenso ewig wie der Vater und der Sohn, und die drei Personen haben nur ein Wesen und sind allein an den Personen unterschieden [608,27-29 fehlt]. [Landauer, S. 224 f.] (13) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 41
F. Pfeiffer, S. 610,28-611,6 (aus Gi2)

  Meister Eckhart spricht, Gott ist nicht allein ein Vater aller Dinge, er ist vielmehr auch eine Mutter aller Dinge. Denn er ist darum ein Vater, weil er eine Ursache und ein Schöpfer aller Dinge ist. Er ist aber auch eine Mutter aller Dinge, denn wenn die Kreatur von ihm ihr Wesen nimmt, so bleibt er bei der Kreatur und erhält sie in ihrem Wesen. Denn bliebe Gott nicht bei und in der Kreatur, wenn sie in ihr Wesen kommt, so müsste sie notwendig bald von ihrem Wesen abfallen. Denn was aus Gott fällt, das fällt von seinem Wesen in eine Nichtheit. Es ist mit andern Ursachen nicht so, denn die gehen wohl von ihren verursachten Dingen weg, wenn diese in ihr Wesen kommen. Wenn das Haus in sein Wesen kommt, so geht der Zimmermann hinaus, und zwar darum, weil der Zimmermann nicht ganz und gar die Ursache des Hauses ist, sondern er nimmt die Materie von der Natur; Gott dagegen gibt der Kreatur ganz und gar alles, was sie ist, sowohl Form wie Materie, und darum muss er dabei bleiben, weil sonst die Kreatur bald von ihrem Wesen abfallen würde. [Landauer, S. 225] (14) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 44
F. Pfeiffer, S. 613,11-17 (aus Gi2)

  [612,14-613,11 fehlt] Es spricht Johann Chrysostomus: Dass Gott in allen Kreaturen sei, das wissen wir und sagen es, aber wie und welcher Weise, das können wir nicht begreifen. Doch Meister Eckhart spricht, dass uns dies ganz klar sein kann, wenn wir für das Wort Gott das Wort Wesen setzen. Nun sehen und merken wir alle wohl, dass in allen Dingen Wesen ist. Wenn also Gott das eigentliche Wesen ist, so muss darum notwendigerweise Gott in allen Dingen sein. [Landauer, S. 225 f.] (15) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 49
F. Pfeiffer, S. 616,16-617,18 (aus B1)

  [615,1-616,16 fehlt] Meister Eckhart sprach: Wie kommt der, der unwandelbar ist, und wie kommt der, der an allen Orten ist? Zu wem kommt der, der in allen Herzen ist? Hierauf antworte ich: er kommt nicht so, dass er irgend etwas werde oder für sich selbst irgend etwas erreiche, sondern er kommt gestaltend, er kommt der da verborgen war und offenbart sich selbst, er kommt als ein Licht, das da in den Herzen der Leute verborgen war und in ihrer Vernunft, so dass es jetzt geformt werde mit der Vernunft und in der Begierde und in dem Allerinnersten des Bewusstseins. Nun ist er dergestalt in der Innerlichkeit, dass da nichts ohne ihn ist, und so kann da auch nichts mit ihm sein, sondern er ist alles was da ist, allein. Daher kommt er so, wenn er sich dergestalt in der Vernunft und in der Begierde erzeugt, dass da nichts ohne ihn und nichts mit ihm ist, sondern die Vernunft und die Begierde sind seiner ganz voll, und wer es derart merkt: nichts ohne ihn, nichts mit ihm, sondern völlig eine Stätte Gottes, der weiss selber nicht, dass er für Gott eine Stätte ist, wie David spricht: "Herr, das Licht deines Antlitzes ist ein Zeichen über uns," gerade als ob er sagte: du sollst schweigen und trauern und seufzen und von der Vernunft Mittel empfangen und sie lauter in deine Begierde verwandeln, auf dass du seine göttliche Heimlichkeit empfindest. Rede mit ihm wie einer mit seinen Mitmenschen redet, und so wie du, wenn du mit Gott sprichst, "Ich" sagst, und wenn du von Gott sprichst, "Er", so sage zu Gott: "Du." Du. sollst alle Dinge vergessen und sollst allein Gott wissen und sollst sprechen : "du bist mein Gott, denn du bist allein inwendig, du bist allein alle Dinge." Keine Kreatur ist Gottes empfänglich, als die nach Gottes Bild geschaffen ist, also der Engel und des Menschen Seele: die sind Gottes empfänglich, dass er in ihnen und sie in ihm seien. Andern Kreaturen ist Gott wesenhaft, sie haben ihn nicht begriffen, sondern sie können nur ohne ihn nicht Wesen haben. So steht es auch mit Gottes Gegenwart: nicht sie sehen Gott, sondern Gott sieht sie in ihrem Allerinnersten; und auch mit seiner Macht: nicht vermag er nichts ohne sie, sondern wir vermögen nichts ohne ihn. Darum aber, weil Gott in der Seele wie in sich selber ist, heisst die Seele eine Stätte und auch eine Stätte des Friedens, denn wo Gott ist wie in sich selbst, da ist Himmelreich und Friede ohne Betrübnis, fröhlich und freudenvoll. Eine selige Seele ruht in Gott ebenso und noch besser als in ihrem Eigentum.
  Der Mensch, der völlig und rein aus sich selber herausgegangen wäre, der fände ganz und gar Gott in Gott und Gott mit Gott. Der wirkt als Gleicher: denn alles was er ist, das ist er Gott, und alles was er Gott ist, das ist er sich, denn Gott ist zugleich in Etwas, und ist zugleich das Etwas, und das Etwas ist zugleich in Gott und ist zugleich Gott, denn sie sind so ganz eins, dass das eine ohne das andere nicht sein kann. [Landauer, S. 226-228] (16) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 52
F. Pfeiffer, S. (aus B1)

  Meister Eckhart sprach, dass wir in dem Wesen der Seele Gott gut sehen und erkennen können. Denn je näher ein Mensch in diesem Leben mit seiner Erkenntnis dem Wesen der Seele kommt, um so näher ist er der Erkenntnis Gottes. Und das geschieht allein dadurch, dass wir die Kreatur ablegen und aus uns selbst herausgehen. Du sollst wissen, obschon ich die Kreatur in Gott liebe, so kann ich doch Gott niemals in der Kreatur so rein lieben wie in mir. Du sollst aus dir selbst gehen und dann wieder in dich selbst: da liegt und wohnt die Wahrheit, die niemand findet, der sie in äussern Dingen sucht. Als Maria Magdalena sich aller Kreatur entschlug und in ihr Herz hineinging, da fand sie unsern Herrn. Gott ist rein und klar: darum kann ich Gott nirgends finden als in einem Reinen. Das innerste meiner Seele aber ist klarer und reiner als jede Kreatur; darum finde ich Gott am allersichersten in meinem Innersten [618,8-20 fehlt]. [Landauer, S. 228 f.] (17) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 57
F. Pfeiffer, S. 620,13-17 (aus B1)

  Dass Gott in Ruhe ist, das bringt alle Dinge zum Laufen. Etwas ist so lustvoll, das bringt alle Dinge zum Laufen, dass sie zurückkommen in das, von dem sie gekommen sind, und das doch unbeweglich in sich selber bleibt, und auf je höherer Stufe ein Ding ist, um so lustvoller läuft es. [Landauer, S. 229] (18) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 58
F. Pfeiffer, S. 620,18-23 (aus B1)

  Gott kann ebensowenig Gleichnisse leiden, als er leiden kann, dass er nicht Gott ist. Gleichnis ist das, was nicht an Gott ist. In der Gottheit und in der Ewigkeit ist Einssein, aber Gleichheit ist nicht Einssein. Bin ich eins, so bin ich nicht gleich. Gleichheit ist nicht die Form des Wesens in der Einheit, dieses gibt mir Einssein in der Einheit, nicht Gleichsein. [Landauer, S. 229] (19) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 60
F. Pfeiffer, S. 621,36-39 (aus B1)

  Was kann süsser sein als einen Freund haben, mit dem du alles, was in deinem Herzen ist, besprechen kannst wie mit dir selbst? Das ist wahr. [Landauer, S. 229] (20) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 62
F. Pfeiffer, S. 622,4-8 (aus B1)

  Was ist Gottes Sprechen? Der Vater sieht auf sich selbst in einer einfachen Erkenntnis und sieht in die einfache Reinheit seines Wesens, da sieht er alle Kreaturen gebildet. Da spricht er sich selbst, das Wort ist klares Verstehen, und das ist der Sohn. [Landauer, S. 230] (21) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 63
F. Pfeiffer, S. 622,9-11 (aus B1)

  Wenn man Mensch sagt, so versteht man darunter eine Person; wenn man Menschtum sagt, so meint man die Natur aller Menschen. [Landauer, S. 230] (22) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 64
F. Pfeiffer, S. 622,12-17 (aus B1)

  Die Meister fragen, was Natur ist. Sie ist ein Ding, das Wesen empfangen kann. Darum einigte Gott das Menschtum mit sich, nicht den Menschen. Ich sage: Christus war der erste Mensch. Wieso? Das erste in der Meinung ist das letzte am Werk, wie ein Dach das letzte am Hause ist. [Landauer, S. 230] (23) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 65
F. Pfeiffer, S. 622,18-623,11 (aus B1)

  Das oberste Antlitz der Seele hat zwei Werke. Mit dem einen versteht sie Gott und seine Güte und was aus ihm fliesst. Daher liebt sie Gott heute und versteht ihn, und morgen nicht. Darum liegt das Bild nicht in den Kräften infolge ihrer unstäten Art. Das andere Werk ist in dem obersten Antlitz, das ist verborgen. In der Verborgenheit liegt das Bild. Fünf Dinge hat das Bild an sich. Erstens, es ist nach einem andern gebildet. Zweitens, es ist in sich selbst geordnet. Drittens, es ist ausgeflossen. Viertens, es ist sich gleich von Natur, nicht dass es gött lieber Natur wäre, aber es ist eine Substanz, die in sich selbst besteht, es ist ein reines aus Gott geflossenes Licht, wo nicht mehr Unterschiedenes ist, als dass es Gott versteht. Fünftens, es ist auf das Bild geneigt, von dem es gekommen ist. Zwei Dinge zieren das Bild. Das eine: es ist nach ihm gefärbt. Das zweite: es hat etwas Ewigkeit in sich. Die Seele hat drei Kräfte in sich. In diesen liegt das Bild nicht. Aber sie hat eine Kraft, das ist der wirkende Verstand. Nun sagt Augustin und der neue Meister, dass darin zugleich liege Gedächtnis und Verstand und Wille, und diese drei haben nichts Unterschiedenes. Das ist das verborgene Bild, das löst sich aus dem göttlichen Wesen, und das göttliche Wesen scheint unmittelbar in das Bild. Gottes Wille ist, dass wir heilig sein sollen und die Werke tun, mit denen wir heilig werden. Heiligkeit beruht auf der Vernünftigkeit und dem Willen. Die besten Meister sagen: Heiligkeit liegt im Grunde im Höchsten der Seele, wo die Seele in ihrem Grunde ist, wo sie allen Namen und ihren eigenen Kräften entwächst. Denn die Kräfte sind auch ein nach aussen Gefallenes. Wie man Gott keinen Namen geben kann, so kann man auch der Seele in ihrer Natur keinen Namen geben. Und wo diese zwei eins werden, da ist die Heiligkeit. Wesen steht auf so hoher Stufe, dass es allen Dingen Wesen giebt. Wäre kein Wesen, so wäre ein Engel dasselbe was ein Stein. [Landauer, S. 230-232] (24) [22.2.12]

- Pfeiffer, Spruch 66

  (s. 2012, Tab. 0)
(5 Dr., 27 Hss.)

F. Pfeiffer, S. 623,13-624,6 (aus BT, M2)
  Ein hoher Lesemeister erzählte in einer Predigt in einer hohen Versammlung diese Geschichte: Es war einmal ein Mann, von dem liest man in den Schriften der Heiligen, der begehrte wohl acht Jahre, Gott möge ihm einen Menschen zeigen, der ihm den Weg zur Wahrheit weisen könnte. Und als er in einem starken Begehren war, da kam eine Stimme von Gott und sprach zu ihm: "Geh vor die Kirche, da findest du einen Menschen, der dir den Weg zur Wahrheit weisen soll." Und er ging und fand einen armen Mann, dem waren seine Füsse aufgerissen und voll Kot und alle seine Kleider waren kaum drei Pfennig wert. Er grüsste ihn und sprach: "Gott gebe dir einen guten Morgen" und jener erwiderte: "Ich hatte nie einen bösen Morgen!" Er sprach: "Gott gebe dir Glück! wie antwortest du mir so ?" Und er erwiderte: "Ich hatte nie Unglück." Er sprach wieder: "Bei deiner Seligkeit! wie antwortest du mir so?" Er erwiderte: "Ich war nie unselig." Da sprach er: "Gebe dir Gott Heil! Kläre mich auf, denn ich kann es nicht verstehn." Er erwiderte: "Das will ich tun. Du sprachst zu mir, Gott möge mir einen guten Morgen geben, da sagte ich: ich hatte nie einen bösen Morgen. Hungert mich, so lobe ich Gott; bin ich elend und in Schande, so lobe ich Gott: und daher hatte ich nie einen bösen Morgen. Als du sprachst, Gott möge mir Glück geben, sagte ich, ich hatte nie Unglück. Denn was mir Gott gab oder über mich verhängte, es sei Freude oder Leid, sauer oder süss, das nahm ich alles von Gott für das Beste: deshalb hatte ich nie Unglück. Du sprachst, bei meiner Seligkeit, da sagte ich: ich war nie unselig, denn ich habe meinen Willen so gänzlich in Gottes Willen gegeben: was Gott will, das will auch ich, darum war ich nie unselig, denn ich wollte allein Gottes Willen." "Ach, lieber Mensch, wenn dich nun Gott in die Hölle werfen wollte, was wolltest du dazu sagen?" Da sprach er: "Mich in die Hölle werfen? Das wollt' ich sehen! Und auch dann, würfe er mich in die Hölle, so habe ich zwei Arme, mit denen umfasste ich ihn. Der eine ist wahre Demut, den legte ich um ihn und umfasste ihn mit dem Arm der Liebe." Und dann sprach er: "Ich will lieber in der Hölle sein und Gott haben, als im Himmelreich und Gott nicht haben." [Landauer, S. 232-233] (25) [14.10.17]

- Pfeiffer, Spruch 67

Meister Eckhart und der arme Mensch (Von dem guten Morgen)
  (s. 2012, Tab. 1) (I) (II)
Weitere Hss. s. Tabelle: Weitere Drr. und Hss.
(Zusammen 2 Dr., 21 Hss. [nach Lücker auch in B22])

  Zu II: "Der Anfang wiederholt den Guten-Morgen-Wunsch aus Nr. 1, anschließend (624,13 ff.) entspricht der Dialog dem folgenden Stück, das dann (624,20 ff.) paraphrasiert und erweitert wird." [Ruh, ²VL 2, S. 351]

F. Pfeiffer, S. 624,7-30 (aus St8, St9)
(Zuordnung zu Ver. II laut Handschriftencensus)
  Meister Eckehart sprach zu einem armen Menschen: "Gott gebe dir einen guten Morgen, Bruder!" - "Herr, den behaltet für euch selber: ich habe noch nie einen bösen gehabt." Er sagte: "Warum denn, Bruder?" - "Weil ich alles, was mir Gott je zu leiden aufgab, fröhlich um seinetwillen litt und mich seiner unwürdig dünkte, und drum ward ich nie traurig noch betrübt." Er sprach: "Wo fandest du Gott zu allererst?" - "Als ich von allen Kreaturen abließ, da fand ich Gott." Er sprach: "Wo hast du denn Gott gelassen, Bruder?" - "In allen lauteren, reinen Herzen." Er sprach: "Was für ein Mann bist du, Bruder?" - "Ich bin ein König." Er sprach: "Worüber?" - "Über mein Fleisch: denn alles, was mein Geist je von Gott begehrte, das zu wirken und zu erleiden war mein Fleisch noch behender und schneller als mein Geist es aufzunehmen." Er sprach: "Ein König muß ein Königreich haben. Wo ist denn dein Reich, Bruder?" - "In meiner Seele." Er sprach: "Wieso, Bruder?" - "Wenn ich die Pforten meiner fünf Sinne verschlossen habe und ich Gottes mit ganzem Ernst begehre, so finde ich Gott in meiner Seele ebenso strahlend und froh, wie er im ewigen Leben ist." Er sprach: "Du magst wohl heilig sein. Wer hat dich heilig gemacht, Bruder?" - "Das tat mein Stillesitzen und meine hohen Gedanken und meine Vereinigung mit Gott, - das hat mich in den Himmel emporgezogen; denn ich konnte nie bei irgend etwas Ruhe finden, das weniger war als Gott. Nun habe ich ihn gefunden und habe Ruhe und Freude in ihm ewiglich, und das geht in der Zeitlichkeit über alle Königreiche. Kein äußeres Werk ist so vollkommen, daß es die Innerlichkeit nicht hindere." [Quint, S. 444] (26) [24.10.14]

- Pfeiffer, Spruch 68

Meister Eckhart und der nackte Knabe
  (s. 2012, Tab. 2; Ed.: Spamer, Texte, S. 143-144)
Spamer verweist S. 143 auf eine weitere Hs. in der Bibliothek der Grafen zu Törring-Jettenbach, zu der ich keinerlei weitere Informationen finde.
(2 Drr., 13 + 1 Hss.)

F. Pfeiffer, S. 624,31-625,2 (aus M3)
  Meister Eckehart begegnete ein schöner, nackter Bube.
Da fragte er ihn, von wannen er käme?
Er sprach: "Ich komme von Gott."
"Wo ließest du ihn?" -
"In tugendhaften Herzen."
"Wo willst du hin?" -
"Zu Gott!"
"Wo findest du ihn?" -
"Wo ich von allen Kreaturen ließ."
"Wer bist du?" -
"Ein König."
"Wo ist dein Königreich?" -
"In meinem Herzen."
"Gib acht, daß es niemand mit dir besitze!"
"Ich tu's." -
Da führte er ihn in seine Zelle und sprach: "Nimm, welchen Rock du willst!" -
"So wäre ich kein König!"
Und verschwand.
Da war es Gott selbst gewesen und hatte Kurzweil mit ihm gehabt. [Quint, S. 444 f.] (27) [11.6.13]

- Pfeiffer, Spruch 69

Meister Eckharts Tochter (Von einer guten Schwester ein gutes Gespräch, das sie mit Meister Eckehart führte)
  (s. 2012, Tab. 3; Ed.: Spamer, Texte, S. 152-154)
(15 Hss.)

F. Pfeiffer, S. 625,3-29 (aus St7)
  Eine Tochter kam zu einem Predigerkloster und verlangte nach Meister Eckehart. Der Pförtner sagte: "Wen soll ich ihm melden?" Sie sprach: "Ich weiß es nicht." Er sagte: "Warum wißt Ihr das nicht?" Sie sprach: "Weil ich weder ein Mädchen bin noch ein Weib noch ein Mann noch eine Frau noch eine Witwe noch eine Jungfrau noch ein Herr noch eine Magd noch ein Knecht." Der Pförtner ging zu Meister Eckehart (und sprach): "Kommt heraus zu der wunderlichsten Kreatur, von der ich je hörte, und laßt mich mit Euch gehen und steckt Euern Kopf hinaus und sprecht: 'Wer verlangt nach mir?'" Er tat so. Sie sprach zu ihm, wie sie zum Pförtner gesprochen hatte. Er sprach: "Liebes Kind, deine Worte sind wahr und schlagfertig: erkläre mir genauer, wie du es meinst." Sie sprach: "Wäre ich ein Mädchen, so stünde ich (noch) in meiner ersten Unschuld; wäre ich ein Weib, so würde ich das ewige Wort ohne Unterlaß in meiner Seele gebären; wäre ich ein Mann, so böte ich allen Sünden kräftigen Widerstand; wäre ich eine Frau, so hielte ich meinem lieben, einzigen Gemahl die Treue; wäre ich eine Witwe, so hätte ich ein ständiges Sehnen nach meinem einzigen Geliebten; wäre ich eine Jungfrau, so stünde ich in ehrfürchtigem Dienst; wäre ich ein Herr, so hätte ich Macht über alle göttlichen Tugenden; wäre ich eine Magd, so hielte ich mich Gott und allen Kreaturen demütig unterworfen; und wäre ich ein Knecht, so stünde ich in schwerem Wirken und diente meinem Herrn mit meinem ganzen Willen ohne Widerrede. Von alledem miteinander bin ich keines und bin ein Ding wie ein ander Ding und laufe so dahin." Der Meister ging hin und sagte zu seinen Brüdern: "Ich habe den allerlautersten Menschen vernommen, den ich je gefunden habe, wie mich dünkt." [Quint, S. 443] (28) [23.3.12]

- Pfeiffer, Spruch 70

Meister Eckharts Wirtschaft (Meister Eckeharts Bewirtung)
  (s. 2012, Tab. 4)
(2 Dr., 36 Hss.)

F. Pfeiffer, S. 625,30-627,27 (aus KT, M19, St2)
  Einst kam ein armer Mensch nach Köln an den Rhein, dort Armut zu suchen und der Wahrheit zu leben. Da kam eine Jungfrau und sprach: "Liebes Kind, willst du in göttlicher Liebe mit mir essen?" Er sprach: "Gerne!" Als sie saßen, sprach sie: "Iß tüchtig und hab keine Scheu!" Er sagte: "Esse ich zuviel, so ist's ein Fehler, esse ich zu wenig, so ist's auch verkehrt. Ich werde essen wie ein armer Mensch." Sie fragte: "Was ist ein armer Mensch?" Er sprach: "Das liegt in drei Dingen. Das erste ist, daß er allem dem abgestorben sei, was naturhaft ist. Das zweite, daß er Gottes nicht zuviel begehren kann. Das dritte ist, daß er alles, was Leiden heißt und ist, niemandem mehr vergönnt als sich selbst." Sie fragte: "Ach, liebes Kind, sage mir, was ist Armut des inneren Menschen?" Er sprach: "Die liegt in drei Dingen. Das erste ist ein vollkommenes Abgeschiedensein von allen Kreaturen in Zeit und in Ewigkeit. Das zweite ist eine ernsthafte Demut des innern und des äußern Menschen. Das dritte ist eine inbrünstige Innigkeit und ein ohne Unterlaß zu Gott emporgehobenes Gemüt." Sie sprach: "Fürwahr, das höre ich gerne. Ei, liebes Kind, nun sage mir doch, was ist Armut des Geistes?" Er sprach: "Ihr fragt zuviel!" Sie sprach: "Das habe ich noch nie erfahren können, daß es dessen zuviel geben könnte, was Gottes Ehre und des Menschen Seligkeit anbetrifft." Der arme Mensch sprach: "Ihr sprecht wahr. Auch sie also (= die Armut des Geistes) liegt in drei Dingen. Das erste ist, daß der Mensch nichts wisse in Zeit und Ewigkeit als Gott allein. Das zweite, daß er Gott nicht außerhalb seiner selbst suche. Das dritte ist, daß er kein geistliches Gut als Eigenbesitz von einer Stätte zur andern trage." Sie fragte: "Soll denn der Meister, unser beider Vater, seine Predigt nicht tragen von seiner Zelle auf den Predigtstuhl?" Er antwortete: "Nein!" Sie sprach: "Warum?" Er sprach: "Je zeitlicher, je leiblicher; je leiblicher, je zeitlicher." Sie sprach: "Dieser Geist kommt nicht aus Böhmen!" Er sprach: "Die Sonne, die zu Köln scheint, die scheint auch zu Prag in die Stadt." Sie sprach: "Mach mir das deutlicher!" Er sprach: "Es steht mir nicht zu, dieweil der Meister hier zugegen ist." Der Meister sprach: "Wer die Wahrheit nicht im Innern hat, der liebe sie draußen, so findet er sie auch innen." Sie sprach: "Dieses Essen ist gut vergolten."
  Da sagte der arme Mensch: "Jungfrau, nun zahlt Ihr den Wein!" Sie sprach: "Gerne! Fraget Ihr mich!" Er sprach: "Woran soll der Mensch die Werke des Heiligen Geistes in seiner Seele erkennen?" Sie sprach: "An drei Dingen. Das erste ist, daß er von Tag zu Tag abnehme an Leiblichem und an Lüsten und an naturhafter Liebe. Das zweite ist, daß er zunehme an göttlicher Liebe und Gnade fort und fort. Das dritte, daß er mit Liebe und Ernst sein Wirken mehr seinem Mitmenschen zukehre als sich selbst." Er sprach: "Das haben die auserwählten Freunde unseres Herrn wohl bewährt." Er sagte: "Woran soll ein geistlicher Mensch erkennen, ob ihm Gott gegenwärtig sei in seinem Gebet und in seiner Tugendübung?" Sie sprach: "An drei Dingen. Das erste ist: an der Sache, mit der Gott seine Auserwählten begabt, und das ist: Verachtung der Welt und Leiden des Leibes. Das zweite: das Zunehmen an Gnade entsprechend der Größe der Liebe zwischen ihm und Gott. Das dritte ist: daß Gott den Menschen nie entläßt, ohne ihm einen neuen Weg der Wahrheit zu weisen." Er sprach: "Das muß notwendig so sein! Sage mir, woran soll ein Mensch erkennen, ob alle seine Werke geschehen nach dem allerhöchsten Willen Gottes?" Sie sprach: "An drei Dingen. Das erste ist, daß es ihm an einem lautem Gewissen nie gebreche. Das zweite, daß er sich nie abkehre von göttlicher Vereinigung. Das dritte, daß der himmlische Vater seinen Sohn ohne Unterlaß in der Eingießung in ihm gebäre."
  Der Meister sprach: "Wäre alle Schuld so wohl vergolten wie dieser Wein, so wäre manche Seele im ewigen Leben, die jetzt im Fegefeuer ist." Da sprach der arme Mensch: "Was hier noch zu bezahlen ist, das geht den Meister an." Der Meister sprach: "Man soll den Alten ihr Alter zugute halten," Da sprach der arme Mensch: "Laß die Liebe sich auswirken, denn sie wirkt ohne (Alters-)Unterschied."
  Die Jungfrau sprach: "Ihr seid ein Meister, dessen Kunst (= Meisterschaft) zu Paris dreifach bewährt ist." Der arme Mensch sprach: "Mir wär's lieber, wenn einer (nur) einmal in der Wahrheit bewährt wäre als dreimal zu Paris auf dem (Lehr-)Stuhl." Meister Eckehart sprach: "Ist mir etwas zu sagen, so ist es gesagt."
  Die Jungfrau sprach: "Sage mir, Vater, woran soll ein Mensch erkennen, ob er ein Kind des himmlischen Vaters sei?" Er sprach: "An drei Dingen. Das erste ist, daß der Mensch alle seine Werke aus Liebe wirke. Das zweite, daß er alle Dinge von Gott gleichmäßig hinnehme. Das dritte, daß er seine ganze Hoffnung auf niemanden geneigt habe denn auf Gott allein."
  Der arme Mensch sprach: "Sage mir, Vater, woran soll ein Mensch erkennen, ob die Tugend in ihm wirksam sei bis auf ihren höchsten Adel?" Er sprach: "An drei Dingen: liebe Gott um Gottes willen, das Gute um des Guten willen, die Wahrheit um der Wahrheit willen!"
  Der Meister sprach: "Liebe Kinder, wie soll der Mensch leben, der die Wahrheit lehrte" Die Jungfrau sprach: "Er soll so leben, daß, was er mit Worten lehrt, er mit den Werken vollbringe." Der arme Mensch sprach: "Das ist gut. Er soll aber innerlich so dastehen, daß er im Innern mehr an Wahrheit besitze, als er nach außen in Worte bringen könnte."

Dicz ist maister ekkartz predig vnd frag;
wer sy hör oder sag,
dem geb got ain guet end
vnd nach seinem leben ain froleich vrstend. Amen.
[Quint, S. 445-448] (29) [21.2.12]

- Jundt, S. 220-222 (mitte)

Wie Meister Eckhart daran erinnert wurde, daß auch er einst auf der Schulbank saß
A. Jundt, S. 220-222 (aus Str3)

  Es geschah zu Meister Eckharts Zeiten, daß ein großer Pfaffe - groß nicht nur in der Schrift, sondern auch im Leben - zu Meister Eckhart sprach: »Lieber Meister und Vater, wollt Ihr mirs nicht übelnehmen, so möchte ich gern aus göttlicher Minne etwas mit Euch reden.« Der erwiderte gar freundlich: »Lieber Herr, Ihr könnt fröhlich reden, was Ihr wollt.« Da hub der Pfaffe an und sprach: »So wißt, daß ich viele von Eueren Predigten gehört habe; und ich habe sie auch gerne - und ungerne gehört.« Da sprach Meister Eckhart: »Lieber Herr, nun bitte ich Euch, daß Ihr mir um Gottes willen Euere Worte erklärt: denn gerne und ungerne - die zwei sind einander gar widerwärtig! «
  Da sprach der gute Pfaffe: »Ich wills Euch sagen. Was ich gerne von Euch hörte, das waren die großen, behenden Worte, die ich durch Gottes Gnade auch wohl verstand. So ich aber dabei an das Wort gedachte, das da spricht: Man soll die Perlen nicht unter die Säue werfen - so wurden mir Euere Predigten verdrießlich und ich gedachte dann: Diese hohen, behenden Worte, die sollte man zum allergrößten Teil in den hohen Schulen abmachen, denn - seid darob nicht ungehalten! - es hat mich etwas befremdet an Euch, daß Ihr so etwas dem gemeinen, groben Volke öffentlich in den Predigten sagt; das dünkt mich zu nichts nütze, denn Ihr könntet wohl etwas Besseres und Gott Wohlgefälligeres tun, davon unsere Mitmenschen Belehrung und Besserung empfangen könnten. Ist es doch einem anfangenden Menschen unnütz, wenn er Euere großen, behenden Worte nicht versteht! Einem zunehmenden Menschen aber sind sie auch nicht sehr ersprießlich, da ihm mit einer allmählich fortschreitenden Belehrung besser gedient wäre. Und den hohen, großen, vollkommenen, schauenden Menschen nützen sie auch nichts weiter - haben die doch gar kein besonderes Verlangen danach! Denn solange sie es hören, dieweil mögen sie es vielleicht gerne hören; aber so sie über das Hören hinauskommen und zur Einkehr in sich selbst gelangen und sich in großer, demütiger Gelassenheit in den Willen des Allerhöchsten ergeben und in rechter Demütigkeit so tief unter sich versinken, so tief ertrinken unter alledem, was Gott je erschuf, daß sie nicht wissen, ob sie in der Zeit sind oder jenseits der Zeit -: in der Schule und in der Predigt, wo der oberste Schulmeister und Prediger sie zur Schule führt, da wird dem Menschen in einem Augenblick mehr Wissen und Belehrung beigebracht, denn Ihr und alle Meister von den auswendigen Schulen in hundert Jahren jemals lehren könntet. Darum, lieber Meister Eckhart, ist Euer Predigen und Lehren diesen dreierlei Menschen, anfangenden, zunehmenden und vollkommenen, nicht gänzlich auf das förderlichste und auf das nützeste gesagt und gepredigt.
  Aber wie unwürdig ich auch bin, Euch einen Rat zu erteilen, so möchte ich Euch doch aus göttlicher Minne und mit der Hilfe Gottes den Rat geben, daß Ihr nun anfinget und der Lehre unseres Herrn Jesu Christi nachfolgtet in der Weise, wie er selber lehrte, dieweil er in dieser Zeitlichkeit wandelte. Da war seine Belehrung in den Synagogen und im Tempel ganz darauf gerichtet, daß der Mensch von seinen untugendlichen, sündlichen Werken abließe und in allen guten Dingen tugendliche Werke üben lernte - lernte, wie er die Untugend austreibe und von sich stoße, bis daß die Untugend zur Tugend werde. Und diese selbe Belehrung, die täte heute ebenso not, wie sie’s jemals tat: daß man die Christengemeinde recht kräftig zurechtwiese wegen ihres untugendhaften Sündenlebens und ihr predigte und dartäte, wie sie zu einem geordneten, tugendlichen Christenleben kommen könnte.
  Nun denn, lieber Meister Eckhart, Ihr redet öffentlich in Eueren Predigten von gar großen, überschwenglichen Dingen, das gar wenig Leute verstehen und nützen können und das auch gar wenig Früchte bringt. Nun denn, Meister Eckhart. Ihr seid jetzt ein großer Pfaffe, ein Meister der Schrift; aber als Ihr zum ersten Male auf die Schulbank gesetzt wurdet, da mußtet Ihr mit dem a anfangen; wenn man Euch da ein großes Buch vorgesetzt hätte und Euch darin hätte lesen geheißen, das wäre gar unnütz gewesen; Ihr mußtet selber mit dem a anfangen und allmählich weiter und weiter lernen, mußtet arbeiten seit der Zeit, bis daß Ihr nun ein Meister der heiligen Schrift geworden seid. Hierum ist es gar nütze, daß man anhebenden Menschen und zunehmenden Menschen lehre und darlege, wie sie es anfangen sollen, die Untugend zu lassen und die Tugend ergreifen zu lernen. Wenn dann der Mensch die Tugend mit der Hilfe Gottes ganz zu ergreifen lernte, so würde er wohl auch Meister über alle Untugend und würde alsdann auch vom heiligen Geiste von innenher unterwiesen, bis er auf die auswendige Belehrung gar nicht mehr viel gäbe: - doch so hält er sich nach Ordnung der heiligen Kirche.«
  Als er diese Rede beendet hatte, sprach der gute Pfaffe: »Lieber Meister Eckhart, habe ich Euch zuviel geredet und es zu lang gemacht, so vergebt mir. Denn es ist nun Zeit, daß ich heimgehe.«
  Da umfing Meister Eckhart den guten Pfaffen, gab ihm den Friedenskuß und sprach: »Lieber Herr, wißt, daß ich in vielen Jahren keine Rede so gerne hörte als diese, die ich da eben auf einmal von Euch hören mußte - sei Gott Euer ewiger Lohn! Und aus aller göttlichen Minne und aus aller christlichen Brudertreue bitte ich Euch und mahne Euch um Gottes willen so hoch, wie ich Euch mahnen kann, daß Ihr mir offenbaren und sagen wollet von Euerem Leben, so wie Gott es Euch gibt. Denn durch Gottes Gnade verstehe ich wohl, daß Ihr aus einem lebenden Grunde redet.« [Schulze-Maizier, S. 401-404] (30) [22.2.12]

Anmerkungen
1 Bei Pfeiffer lautet die Überschrift: Daz ist swester Katrei meister Ekehartes tochter von strâzburc (Tractat VI, S. 448-475). Landauer kürzte die Vorlage um folgende Passagen: S. 448,26-464,25; 465,1-468,40; 470,7-15; 470,27-40; 471,3-475,2 [Hinz, S. 91]. Die Absätze sind von mir eingefügt.
2 Pfeiffer Sprüche Nr. 4, S. 598. Die Nachweise Anmerkungen 2 bis 22 alle: [Hinz, S. 94], 23 und 24: S. 96.
3 Pfeiffer Sprüche Nr. 8, S. 599.
4 Pfeiffer Sprüche Nr. 11, S. 600.
5 Pfeiffer Sprüche Nr. 12, S. 600.
6 Pfeiffer Sprüche Nr. 16, S. 601. Landauer kürzt: S. 601,32-602,13.
7 Pfeiffer Sprüche Nr. 18, S. 602.
8 Pfeiffer Sprüche Nr. 24, S. 604.
9 Pfeiffer Sprüche Nr. 29, S. 605 f. Landauer kürzt: S. 605,34-606,2.
10 Pfeiffer Sprüche Nr. 30, S. 606.
11 Pfeiffer Sprüche Nr. 32, S. 606 f. Landauer kürzt: S. 607,3-6.
12 Pfeiffer Sprüche Nr. 33, S. 607 f.
13 Pfeiffer Sprüche Nr. 34, S. 608.
14 Pfeiffer Sprüche Nr. 41, S. 610 f.
15 Pfeiffer Sprüche Nr. 44, S. 612 f. Landauer kürzt: S. 612,15-613,11.
16 Pfeiffer Sprüche Nr. 49, S. 615-617. Landauer kürzt: S. 615,1-616,16.
17 Pfeiffer Sprüche Nr. 52, S. 617 f. Landauer kürzt: S. 618,8-20.
18 Pfeiffer Sprüche Nr. 57, S. 620.
19 Pfeiffer Sprüche Nr. 58, S. 620.
20 Pfeiffer Sprüche Nr. 60, S. 621.
21 Pfeiffer Sprüche Nr. 62, S. 622.
22 Pfeiffer Sprüche Nr. 63, S. 622.
23 Pfeiffer Sprüche Nr. 64, S. 622.
24 Pfeiffer Sprüche Nr. 65, S. 622 f.
25 Pfeiffer Sprüche Nr. 66, S. 623 f.
26 Pfeiffer Sprüche Nr. 67, S. 624, ist in vielen Handschriften überliefert. Die Überschrift entnahm ich dem von mir aufgefundenen Text der Donaueschinger Hs. 365 (Do3). Meine Übersetzung folgt dem Text Pfeiffers [Quint, S. 528]. Bei Schulze-Maizier abgedruckt unter dem Titel: "Meister Eckhart und der arme Mensch, der ein König war über sich selbst" (S. 400 f.).
27 Pfeiffer Sprüche Nr. 68, S. 624 f. ist in sehr vielen Handschriften überliefert. Meine Übersetzung folgt dem Text Pfeiffers [Quint, S. 529]. Bei Schulze-Maizier unter dem selben Titel (S. 407).
28 Pfeiffer Sprüche Nr. 69, S. 625, Spamer, Texte S. 152 bis 154. Das Stück ist in mehreren Handschriften überliefert. Meine Übersetzung folgt dem Text von Pfeiffer, den ich jedoch mit Hilfe der Spamerschen und der handschriftlichen Texte ergänzt und verbessert habe. Die Überschrift entnahm ich den beiden von mir aufgefundenen Texten der Münchener Hs. cgm 750 (M32) und der Wolfenbütteler Hs 3099 (Wo3) [Quint, S. 528]. Bei Schulze-Maizier unter dem Titel "Meister Eckharts Tochter" (S. 399).
29 Pfeiffer Sprüche Nr. 70, S. 625-627. Das Stück ist in vielen Handschriften überliefert. Der Text ist in der hsl. Überlieferung mit starken Schwankungen vertreten. Meine Übersetzung folgt im ganzen dem Text Pfeiffers, den ich gelegentlich mit Hilfe der sonstigen hsl. Überlieferung ... zu bessern, bzw. zu ergänzen suchte. Die (mhd.) Verse stehen am Schluß des Stückes in der genannten Münchner Hs. cgm. 365 [Quint, S. 529/531]. Bei Schulze-Maizier unter dem Titel "Meister Eckharts Schmaus" (S. 407-412).
30 A. Jundt, S. 220 ff. Der Text ist ein Auszug aus: Traités de Rulman Merswin sur les Frères du libre esprit et sur les prédicationes de maitre Eckhart, 2. Das buoch von den dryen durchbrúchen, und von eime gnodenrichen gelerten pfaffen der meister Eckeharten den grossen lerer stroffete, S. 215-230.

  Die hier wiedergegebenen Texte entstammen Josef Quint, Meister Eckehart, [Quint], S. 443-448, Gustav Landauer, Meister Eckharts mystische Schriften, [Landauer], S. 158-164 (Schwester Kathrei) und S. 218-233 (Sprüche) und [Friedrich Schulze-Maizier, S. ]. Der genaue Nachweis befindet sich in den jeweiligen Anmerkungen.
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